Blinde Flecken
TL;DR: In jüdischen Gemeinden wird wieder gefragt: Kämpfen die Parteien genug gegen Judenhass? AfD ausgeladen – klar. Doch auch Die Linke. Antisemitismus kommt nicht nur von rechts. Wer ihn nur beim Gegner sucht, verteidigt Moral – nicht jüdisches Leben. Wer zahlt den Preis?
Warum der Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland so gern beim politischen
Gegner beginnt – und dort endet
In deutschen jüdischen Gemeinden wird wieder diskutiert.
Wieder gefragt. Wieder beschworen. Kämpfen die Parteien beherzt genug gegen
Judenhass?
Auf dem Podium: CDU, SPD, Grüne, FDP, Volt.
Nicht eingeladen: die AfD – vom Zentralrat der Juden treffend beschrieben als
„eine Partei, in der sich Antisemiten zu Hause fühlen können“. Ebenfalls nicht
eingeladen: Die Linke.
Das ist die eigentliche Nachricht.
Die Frankfurter Jüdische Gemeinde hat sich entschieden,
nicht nur die AfD auszuladen – „eine
Selbstverständlichkeit“, wie ihr Vorsitzender Benjamin Graumann in der FAZ sagte
–, sondern auch die Linke. Man habe sich „bewusst
entschieden, die Linke nicht einzuladen“. Begründung: Die Partei sei oft
blind gegenüber linkem Judenhass, unterstütze in Teilen die BDS-Bewegung und
distanziere sich nicht klar genug von Hamas-Sympathisanten. Für Graumann ist
sie „nicht
Teil der Lösung, sondern Teil des Problems“.
Das sitzt.
Nicht, weil man die Linke nun in einem Atemzug mit der AfD
nennen wollte. Sondern weil hier ein Tabu fällt: Antisemitismus ist kein
exklusives Geschäftsmodell der Rechten. Er ist anschlussfähig. Und er wechselt
das Vokabular.
Wer darf reden – und wer gilt schon als Problem?
Während also die demokratische Mitte über
Antisemitismusdefinitionen diskutiert und darüber, wie viel Polizeipräsenz
jüdische Einrichtungen brauchen – „Da
dürfen wir nicht nachlassen“, sagt der CDU-Politiker Martin-Benedikt
Schäfer in der FAZ –, steht im Raum eine andere Frage: Wer duldet
antisemitische Codes im eigenen Milieu?
Wer entdeckt Judenhass nur dort, wo er politisch passt?
Die SPD musste sich in Frankfurt erklären, weil ein Kandidat
mit Palästinensertuch und Wassermelonenohrringen posierte und israelfeindliche
Inhalte verbreitete. Die Moderatorin sprach von „krudem
Antisemitismus“. Die SPD distanzierte sich – das Plakat sei „ein
schwerer Fehler“, Regler spreche „in
keinster Weise für die Positionen der SPD“. Man habe die Plakate abgehängt.
Das Problem wurde entfernt. Ob es damit gelöst ist, bleibt
offen.
Volt-Spitzenkandidatin Eileen O’Sullivan musste sich für das
Teilen eines Posts entschuldigen, in dem Israel vorgeworfen wurde, „Konzentrationslager“
für Palästinenser einrichten zu wollen. Sie nannte es „absolute
Scheiße“ und „absolut
gerechtfertigte“ Kritik. Das ist ehrlicher als viele routinierte
Distanzierungen. Aber es wirft die Frage auf, wie selbstverständlich solche
Vergleiche offenbar geworden sind. „Konzentrationslager“ als politischer
Schnellzugriff – das ist keine Entgleisung im Affekt, sondern ein rhetorisches
Angebot.
Und es wird angenommen.
Die Linke wiederum ringt öffentlich mit sich selbst. Der
taz-Kommentar von Pascal Beucker („Die
Grenze zur Gewalt will nicht jeder in der Linken sehen“) schildert die
Angriffe auf Andreas Büttner, Antisemitismusbeauftragter in Brandenburg und
Mitglied der Linken. Sein Schuppen wird angezündet, ein rotes Hamas-Dreieck an
die Haustür gesprüht. Ein Brief mit Morddrohung folgt: „Wir
töten dich.“
Beucker schreibt nüchtern: Die Attacken kämen inzwischen aus
einer Szene, „die
sich selbst ebenfalls für links hält“, aber nicht zwischen Solidarität mit
Palästinensern und israelbezogenem Antisemitismus unterscheiden könne. Die
Parteivorsitzenden verurteilten die Übergriffe. „Dort,
wo Terror und Gewalt verherrlicht werden“, sei eine Grenze überschritten.
Der Satz ist klar. Die Wirklichkeit weniger.
Denn Beucker deutet an, dass nicht alle in der Partei diese
Grenze so sehen. Solidaritätsbekundungen für Aktivisten, die den 7. Oktober als
legitimen „antikolonialen
Widerstandsakt“ beschreiben „ausgehend von kolonialer
Besatzung und Vertreibung“, zeigen: Die Auseinandersetzung ist nicht
beendet. Sie hat gerade erst begonnen.
Staatsräson, Solidarität und die Kunst der
Selbstentlastung
Parallel dazu erklärt Ahmed Abed, frisch gewählter
Spitzenkandidat der Linken in Neukölln, im Interview mit etos.media , es sei „einfach
nur traurig“, dass man über den „Völkermord in Gaza“ nicht sprechen könne, ohne
dass einem „Antisemitismus“ vorgeworfen werde. Der Vorwurf werde
instrumentalisiert, um politische Positionen zu delegitimieren. Die „Staatsräson“
sei „nur ein anderes Wort für die Durchsetzung des autoritären Staates“.
Hier liegt der Konflikt offen. Für die einen ist die
Berufung auf Staatsräson ein moralisches Versprechen: Deutschlands besondere
Verantwortung für die Sicherheit Israels. Für die anderen ist sie ein
Instrument, um Kritik zu unterdrücken.
Beide Seiten benutzen große Worte.
Und große Worte sind selten präzise.
Andreas Büttner, derselbe Linken-Politiker, der in
Brandenburg als Antisemitismusbeauftragter arbeitet, sagt im Interview mit mena
Watch: Antisemitische Vorfälle hätten „seit
dem 7. Oktober 2023 deutlich zugenommen“. Man sehe einen Anstieg „vom
rechtsextremen bis zum islamistischen Antisemitismus, aber auch aus Teilen der
politischen Linken“. Das Problem sei „gesamtgesellschaftlich“.
Er verurteilt den Terror der Hamas „ohne
Relativierung“. Er erkennt das Existenzrecht Israels an. Und er kritisiert
die eigene Partei, wenn sie Israel-Hass eine Bühne bietet: „Demokratische
Parteien dürfen Israel-Hass keine Bühne geben.“
Das ist kein rechter Hardliner, der hier spricht, sondern
ein Linker, der sich in seiner Partei erklären muss.
Der Streit verläuft nicht zwischen „Israel-Freunden“ und
„Palästina-Freunden“. Er verläuft entlang einer anderen Linie: zwischen denen,
die Antisemitismus als eigenständiges Problem begreifen – und denen, die ihn
als rhetorische Waffe im politischen Schlagabtausch behandeln.
Die AfD hat ihr Verhältnis zu Antisemitismus nie geklärt,
sondern verwaltet. Sie instrumentalisiert jüdische Sicherheit gegen Muslime,
während sie im eigenen Milieu mit Geschichtsrevisionisten koexistiert. Das ist
bekannt.
Neu ist die Unsicherheit der Linken.
Wenn eine „palästinasolidarische“ Gruppe wie Handala, die
das Hamas-Massaker vom 7. Oktober als legitimen Widerstand beschreibt, in
linken Kontexten mobilisieren kann, dann ist das kein Missverständnis, sondern
ein politisches Problem.
Wenn zugleich jede scharfe Kritik an israelischer
Regierungspolitik vorschnell als antisemitisch gebrandmarkt wird, dann entsteht
ein anderes Problem: Der Begriff verliert an Schärfe.
Zwischen diesen beiden Fehlentwicklungen oszilliert die
Debatte.
Die Parteien der Mitte geben sich entschlossen. Mehr
Videoüberwachung, mehr Workshops, mehr Dialogformate. Das alles ist richtig.
Aber es ist Verwaltung. Antisemitismus
ist kein Sicherheitsproblem. Er ist ein Deutungsproblem.
Wer Israel mit NS-Vergleichen überzieht, bedient nicht nur
eine Metapher. Er verschiebt die historische Achse. Wer das Antisemitische Massaker
vom 7. Oktober als „antikolonialen Akt“ rationalisiert, verschiebt die
moralische Grenze. Wer jede Kritik an israelischer Politik als antisemitisch
diffamiert, verschiebt wiederum die Debattenfreiheit.
Und jede Verschiebung hinterlässt Spuren.
Der Begriff „Staatsräson“ taucht in diesen Debatten wie ein
Zauberwort auf. Für die einen ist er Ausdruck historischer Verantwortung, für
die anderen ein autoritärer Reflex. Vielleicht ist er beides – je nachdem, wie
er politisch gefüllt wird. Ein Begriff, der alles erklären soll, erklärt oft
nichts mehr.
Die Frankfurter Entscheidung, die Linke nicht einzuladen,
ist daher weniger ein Urteil als ein Symptom. Sie zeigt, dass Vertrauen
verloren geht. Und Vertrauen lässt sich weder per Resolution noch mit der
typisch deutschen Haltung zurückholen, „was Antisemitismus ist,
bestimmen wir“.
Es reicht nicht, sich von der AfD abzugrenzen. Das ist die
Pflichtübung.
Die Kür beginnt dort, wo Parteien im eigenen Lager aufräumen.
Wo sie nicht erst reagieren, wenn ein Skandal öffentlich wird.
So wie im Fall der Frankfurter Linksjugend solid, auf
deren Social-Media-Account bedauert wurde, dass eine jüdische Schülergruppe
nicht aus einem fliegenden Flugzeug geworfen worden sei. Ein offener
antisemitischer Gewaltfantasie, die – wie so oft – als „Tat
einer Einzelperson“ relativiert wurde.
Die Erklärung wirkte dünn. Denn die Verfasserin fungierte
als Administratorin des Accounts. Und über 14 Tage hinweg schien weder in der
Linksjugend noch in der Partei jemand Anstoß an dem Post zu nehmen. Wer sich
Antifaschismus ins Programm schreibt, sollte zumindest bemerken, wenn in den
eigenen Reihen das Nicht-Töten von Juden öffentlich bedauert wird.
Genau hier beginnt die eigentliche Frage: Wie kann sich
jemand in einer politischen Struktur so sicher fühlen, dass er oder sie glaubt,
mit einer solchen Äußerung durchzukommen? Und warum fällt es so schwer, daraus
mehr zu lernen als die immer gleiche Formel vom bedauerlichen Einzelfall?
Antisemitismus kommt von rechts, von islamistischen Milieus
– und von links. Er tarnt sich als „Israelkritik“, als „Antikolonialismus“, als
moralische Empörung. Er kann sich aber auch als überzogene Loyalitätsbekundung
verkleiden, die jede Kritik unter Verdacht stellt.
Wer ihn nur beim Gegner sucht, findet ihn zuverlässig – und
übersieht den Rest.
Vielleicht ist das die unbequeme Wahrheit: Der Kampf gegen
Judenhass scheitert nicht an fehlenden Bekenntnissen, sondern an selektiver
Wahrnehmung. Jede politische Strömung pflegt ihren blinden Fleck.
Die Rechten relativieren.
Teile der Linken romantisieren.
Die Mitte verwaltet.
Und die jüdischen Gemeinden? Sie fragen wieder. Nicht aus
Ritual, sondern aus Erfahrung.
„Der
Angriff auf unsere Genoss:innen ist ein Angriff auf uns alle“, schrieben
die Linken-Vorsitzenden nach den Attacken auf Büttner (taz, 8.1.2026). Richtig.
Aber es gilt ebenso: Jede rhetorische Relativierung von Terror ist ein Angriff
auf jene, die ihn erleiden.
Vielleicht wäre das ein Anfang: Antisemitismus nicht als
moralische Münze im parteipolitischen Wechselspiel zu benutzen, sondern als
Maßstab an sich selbst. Nicht als Schlagwort, sondern als Grenze.
Denn wer Antisemitismus nur beim Gegner erkennt, kämpft
nicht gegen Judenhass. Er kämpft um Deutungshoheit.
Und die ist bekanntlich ein knappes Gut.
Die Frage ist nur: Wem nützt sie – und wer zahlt den Preis?