Mit Herzchen gegen die materialistische Analyse

TL;DR: Ein Herz-Emoji ersetzt keine Klassenanalyse. Wer Marx zitiert, sollte Helden demystifizieren – nicht ikonisieren. Der Glückwunsch an Chomsky zeigt: Hier wird Personalisierung über Materialismus gestellt. So wird Marxismus zur Marke. Und das ist politisch aufschlussreich.

Kritik am Glückwunsch-Tweet von MERA25: Warum Heldenverehrung dem marxistischen Anspruch widerspricht und Marxismus zur Marke wird


Warum die sich marxistisch verstehende Partei MERA25 an einem Geburtstagsgruß scheitern muss – und was das über ihren Marxismus sagt

Man kann vieles feiern. Geburtstage zum Beispiel. Auch den 94. eines großen Linguisten. Aber wenn eine Partei, die sich marxistisch versteht, einem ihrer Mitglieder öffentlich zuruft: „Herzlichen Glückwunsch … ❤️“, dann ist das weniger eine Höflichkeit als ein Bekenntnis. Und Bekenntnisse sind im Marxismus verdächtig; Marx verstand Ideologie als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, nicht als moralisches Selbstbekenntnis. Im Marxismus zählen Verhältnisse, nicht Verehrungen.

Der Tweet von MERA25 Deutschland ist knapp, affirmativ, kontextfrei. „Herzlichen Glückwunsch … ❤️“ – das Herz als politisches Satzzeichen. Keine Einordnung, kein Zusatz, kein Zweifel. Das Mitglied wird zur Ikone, und die Ikone wird zum moralischen Signet. Wer so twittert, will nicht informieren, sondern sich vergewissern: Wir stehen bei ihm, also stehen wir richtig.

Nur: Der Marxismus ist keine „Great Man Theory“ in Rot. Marx und Engels eröffneten das Kommunistische Manifest nicht mit der Huldigung einer Persönlichkeit, sondern mit dem Satz: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Geschichte als Struktur, nicht als Biografie. Individuen handeln – ja. Aber sie handeln „unter vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ (Marx, Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte). Wer das vergisst, ersetzt Analyse durch Andacht.

Person statt Verhältnis

Der fragliche Tweet steht jedoch nicht im luftleeren Raum. Der Artikel „Ein Schnappschuss sagt mehr als tausend Worte“ schildert eine Beziehung, die, wie Glenn Greenwald formuliert, „eine kognitive Dissonanz“ auslöst. In den veröffentlichten Akten findet sich Chomskys Brief, in dem er schreibt: „Ich habe Jeffrey Epstein vor etwa sechs Jahren kennengelernt. Seitdem stehen wir in regelmäßigem Kontakt … Das war für mich eine äußerst wertvolle Erfahrung.“ Wertvoll – 2019 ein bemerkenswertes Wort im Zusammenhang mit einem 2008 verurteilten Sexualstraftäter.

Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen. Es geht um politische Urteilskraft. Wer einem Mann, der wegen „Anstiftung zur Prostitution mit Minderjährigen“ verurteilt wurde (US-Justizministerium, 2008), 2019 rät, öffentliche Kritik „am besten einfach“ zu ignorieren, bewegt sich nicht im luftigen Raum abstrakter Debatte. Er handelt. Und Handeln ist politisch.

MERA25 hätte die Möglichkeit gehabt, beides zu tun: den Linguisten zu würdigen und die Kontroverse zu benennen. Stattdessen entschied man sich für das Herz-Emoji. Das ist kein Zufall, sondern eine Form. Symbolische Politik ersetzt Analyse durch Identifikation. Die Person wird zum Projektionsschirm, die Organisation zum Echo.

Marxistische Theorie hat diese Mechanik selbst seziert. Heldenverehrung ist eine Spielart der Ideologie, weil sie gesellschaftliche Kräfteverhältnisse in Charakterfragen übersetzt. Wer die Welt durch Personen erklärt, entmaterialisiert sie. Rehmann spricht von der „Personalisierung struktureller Widersprüche“ als einem Kernmoment ideologischer Verkürzung. Smith beschreibt, wie politische Bewegungen in symbolische Repräsentationen flüchten, wenn die Analyse der Produktionsverhältnisse aus dem Blick gerät. Das Herzchen ist die kleinste Einheit dieser Flucht.

Ideologiekritik oder Ikonenpflege?

Gewiss, Marxisten waren nie frei von Personenkult. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts liefert Anschauungsmaterial genug – von Stalins ikonografischer Allgegenwart über Maos „Kleinem Roten Buch“, Kim Il-sung, dessen Schriften, eine religionsähnliche Verehrung genießen und die Kultische Verehrung  des Marlboro-Mann der Linken, Ernesto Che Guevara in der westlichen Welt. Aber gerade diese Erfahrungen gelten in der Forschung als Degeneration materialistischer Prinzipien. Personenkult ist nicht marxistische Konsequenz, sondern deren Aufhebung im Pathos.

Man könnte einwenden: Es handelt sich doch nur um einen Geburtstagsgruß. Wer darin schon Ideologiekritik betreibt, betreibt Haarspalterei. Nur: Politik besteht aus Symbolen. Wer öffentlich spricht, setzt Zeichen. Und eine Partei, die sich marxistisch versteht, sendet mit jedem Zeichen auch eine Theoriebehauptung.

Der Artikel über Chomsky erinnert an frühere Kontroversen: die Relativierungen im Kontext der Khmer Rouge in After the Cataclysm (1979), die Verteidigung der Redefreiheit von Holocaust-Leugnern als abstraktes Prinzip, die Einordnung von Srebrenica als zwar „Horrorgeschichte“, aber problematisch im Genozidbegriff. Man kann all das diskutieren. Aber man kann es nicht ausblenden, wenn man die betreffende Person zur moralischen Referenz erhebt.

Hier liegt der eigentliche Widerspruch: Eine marxistische Partei müsste Helden demystifizieren. Sie müsste fragen, welche gesellschaftlichen Bedingungen einen Intellektuellen prägen, welche Irrtümer strukturell erklärbar sind, welche politischen Konstellationen Nähe erzeugen – und wo individuelle Verantwortung beginnt. Stattdessen produziert sie ein Bild. Das Bild ersetzt die Bewegung des Denkens durch die Geste der Zugehörigkeit.

Das ist weniger Verrat als Verschiebung. Die Politikform hat sich geändert. Wo früher Klassenanalyse stand, steht heute moralische Positionierung. Wer „auf der richtigen Seite“ stehen will, sucht Gesichter, nicht Verhältnisse. Der Tweet ist Ausdruck dieser postmarxistischen Tendenz: Die Theorie bleibt Zitat, die Praxis wird Symbol.

Dabei wäre gerade Chomsky ein geeigneter Gegenstand materialistischer Kritik. Sein „Contrarianismus“, wie der Artikel es nennt, sein Hang, hegemoniale Narrative zu hinterfragen, entspringt einer strukturellen Skepsis gegenüber Macht. Doch Skepsis kann in Blindheit umschlagen, wenn sie nur noch gegen den Westen gerichtet ist und andere Gewaltverhältnisse relativiert. Auch das wäre zu analysieren – nicht zu beklatschen.

Es geht also nicht darum, einen 94-Jährigen moralisch zu verurteilen. Es geht um die Frage, ob eine Partei, die sich auf Marx beruft, die Logik der Personalisierung reproduzieren darf, die sie theoretisch überwinden wollte. Der Tweet beantwortet diese Frage – unfreiwillig.

Man könnte, in Anlehnung an Brecht, sagen: Unglücklich das Land, das Helden braucht. Unglücklich auch die Partei, die sie twittert. Nicht weil Helden existieren, sondern weil ihr Glanz die Analyse überstrahlt.

Der Glückwunsch-Tweet ist damit ein kleines Dokument einer größeren Bewegung. Zwischen Ikonisierung und Ideologiekritik entscheidet sich, ob Marxismus Methode bleibt oder Marke wird. Das Herz-Emoji ist kein Verbrechen. Aber es ist ein Symptom.

Und Symptome sollte man ernst nehmen – auch im Wahlkampf, auch in Frankfurt am Main.

 

 

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