Die Wiederkehr des Judenmords
TL;DR: Am 7. Oktober 2023 wurden Juden massakriert. Zwei Jahre später gilt nicht der Täter als barbarisch, sondern der Verteidiger als Kriegsverbrecher. Die Aufklärung ist dort gescheitert, wo man Vernichtung „Widerstand“ nennt – und die Geisel zum Schuldigen macht.
Zur Regression der Aufklärung in linken Milieus nach dem 7. Oktober
Es gibt Ereignisse, die die Zeit nicht nur in ein Davor und
Danach spalten, sondern die auch das Gedächtnis in Geiselhaft nehmen. Der 7.
Oktober 2023 ist so ein Tag. Für Israel war es ein Pogrom. Für die Hamas: ein
Triumph. Für viele Linke im Westen: ein Betriebsunfall in der Argumentation.
Denn während am Shabbat in israelischen Kibbuzim Menschen
verbrannten, verstümmelt, vergewaltigt und entführt wurden – unter
Allahu-Akbar-Rufen, die nicht nur zu Göttern sprechen wollten, sondern zur
Weltöffentlichkeit –, verteilten Hamas-Anhänger*innen in Berlin- Neukölln - Süßigkeiten.
Es war die Art von Empathie, die ihre eigene Abwesenheit feiert. Und es war
nicht das erste Mal.
Dass ausgerechnet teile der Linken – als Bestandteil jener selbsternannte Avantgarde
der Menschlichkeit – diese Gräuel relativiert, verschweigt oder gar beklatscht,
ist kein historischer Zufall, sondern die logische Folge einer längst
vollzogenen Regression: weg von der Aufklärung, hin zur ideologischen
Umnachtung. „Von der Wiege der Menschlichkeit zum Sarg ihrer Urteilsfähigkeit“
könnte man es nennen, wenn man es poetisch meint. Oder einfacher:
Antisemitismus mit antikolonialem Antlitz.
Scharia statt Schalom
Wer nach dem 07. Oktober in Berlin demonstrierte, musste
sich entscheiden: gelbe Schleifen oder grüne Fahnen. Die einen erinnern an
verschleppte Kinder, die anderen an ihre Entführer. Die einen stehen für
Menschenrechte, die anderen für Menschenverachtung. Auch Teile der Partei Die Linke
entschieden sich gegen die verschleppte Kinder und für die Menschenverachtung.
Wer Zweifel hat, möge einen Blick auf das Plakat werfen, das
zur (dann verbotenen) Demonstration am 7.
Oktober 2025 aufrief, dem zweiten Jahrestag des Massakers: Paraglider im
Sonnenuntergang, Hamas-Kämpfer im heroischen Look, dazu der Slogan:
„Generation für Generation – bis zur vollständigen Befreiung.“ Die Chiffre für:
bis zur vollständigen Vernichtung.
Man muss kein Historiker sein, um darin die Parole von Amin
al-Husseini zu hören, dem Großmufti von Jerusalem, der
bei Hitler am Tee nippt, während im Hintergrund bereits die Gaskammern dampfen.
Die Hamas-Charta kennt ihn gut, den alten
überzeugten Judenhasser. Und sie pflegt
seine Gedanken wie andere ihre Ahnenporträts.
Was dem kollektiven Gedächtnis schwerfällt zu begreifen,
wird von der Hamas seit Jahrzehnten pädagogisch vorbereitet. Der Zuckerwürfel
nach dem Busanschlag, das Bonbon nach dem Selbstmordattentat, die Süßigkeiten
nach dem 7. Oktober in Neukölln: das ist Teil einer konsequenten Pädagogik des
Hasses. Man soll sich an den Geschmack des Todes gewöhnen, schon im
Kindesalter. Der Körper der getöteten Israelis wird zur pädagogischen Ressource
– ein Lehrmittel für die Revolution.
Dabei waren am 7. Oktober unter den Opfern auch jene
Israelis, die am meisten für Koexistenz warben. Juden, die arabisch sprachen,
Palästinenser beschäftigten, gegen die Besatzung protestierten. Getötet wurden
sie trotzdem. Oder: gerade deshalb. Denn in der Ideologie der Hamas
(wie der des
BDS) ist der friedliche Jude gefährlicher als der kämpfende – weil er nicht
ins Feindbild passt.
Die Reaktionen auf das Massaker lassen sich in drei Gruppen
einteilen:
- Die
Feiernden. Sie verteilten Süßigkeiten, wie man es vom Gaza-Streifen
kennt, wenn ein Bus in Jerusalem explodiert.
- Die
Relativierenden. Ihre Erklärungsmuster sind zuverlässig:
„Verzweiflung“, „Unterdrückung“, „Kolonialismus“. Die Täter sind dann zwar
brutal, aber irgendwie nachvollziehbar.
- Die
Entsetzten. Eine zunehmend schwindende Minderheit.
Die zweite Gruppe – nennen wir sie die Salon-Hamas – ist am
folgenreichsten. Sie rechtfertigt, ohne zu bekennen. Sie klagt an, ohne
hinzusehen. Und sie nennt sich: zivilgesellschaftlich engagiert.
Amnesty Deutschland, sonst nicht für ihre Israelnähe
bekannt, kam nach zwei Jahren zur Feststellung: Die
Massaker des 7. Oktober waren „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.
Sexualisierte Gewalt, systematisch und geplant. Es ist dies nicht die Sprache
der Boulevardpresse, sondern der internationalen Jurisprudenz. Und dennoch: Wer
noch im September 2025 „All Eyes on Gaza“ rief, schaute demonstrativ weg – vom
7. Oktober, von seinen Opfern, von seiner Ideologie. Die Partei Die Linke, die
eine Zubringer Demo zu dem Spektakel organisierte, unterlies
alles, Israelis (wahrheitswidrig) anders als al Opfer aufzutreten, von der
Hamas und den Geisel schwieg sie sich in ihrem Aufruf aus. So viel dazu, dass Die Linke für
die Menschenrechte eintritt.
Dabei wissen wir: Die Täter kamen mit Handykameras, nicht
mit Poesiealben. Sie filmten ihre Exzesse, streamten das Massaker live. Eine
Gewalt, die gesehen werden wollte – nicht verschwiegen. Die Schamlosigkeit war
kein Nebeneffekt, sondern Programm.
Was folgte, war ein antisemitischer Backlash globalen
Ausmaßes. Juden weltweit wurden zur Zielscheibe, nicht wegen ihrer Politik,
sondern wegen ihrer Existenz. Der Vorwurf: Israel begehe einen Genozid –
ausgerechnet Israel, jenes Land, das aus der Shoah geboren wurde. Wer die Täter
benennt, wird heute des Rassismus bezichtigt; wer die Opfer verteidigt, gilt
als Komplize eines Genozids.
Die Völkermord-Anklage gegen Israel ist nicht nur falsch
– sie ist obszön.
Denn sie behauptet: Das eigentliche Verbrechen begann nicht am 7. Oktober,
sondern am Tag danach – mit Israels Selbstverteidigung. Ein intellektueller
Trick, so alt wie der Antisemitismus selbst: Man blendet den Anfang aus, um das
Ende zu verurteilen. Aus Notwehr wird ein Verbrechen gemacht, aus dem Massaker
ein „Hilferuf“.
Man kann es aber auch machen wie die linke Strömung AKL, die
die Verbrechen vom 7. Oktober relativiert – und zur Entlastung der
Hamas-Judenmörder schreibt, „dass
der kriegerische Konflikt zwischen Palästina und Israel nicht mit dem 7.
Oktober 2023 begann, sondern ein historischer Prozess ausgehend von kolonialer
Besatzung und Vertreibung ist.“
Was in Bezug auf den 7. Oktober so wahr ist wie ihr zweites
Verdikt:
„Erstens:
Es gibt in der LINKEN viele Probleme, aber ganz sicher kein Problem mit
Antisemitismus.“
Große Teile des linken Milieus, die einst gegen den
Faschismus standen, sind heute seine nützlichen Idioten, zumindest was die
Faschisten von der Hamas Betrifft, Sie singen von der „Intifada“, als wäre es
ein Wort für Morgenröte, nicht für Busattentate. Sie schreiben „Globalize the
Intifada“ auf ihre Banner und tun dabei so, als riefen sie zu nichts weiter auf
als zur internationalen Völkerverständigung, nicht zum Organisierten Judenmord.
Doch wer das Wort „Intifada“ googelt, stößt nicht auf
Utopie, sondern auf 138
Selbstmordanschläge – mit über 1.000 Toten. Eine Zahl, die spricht. Aber
Zahlen gelten in diesen Kreisen als imperialistische Erfindung.
Al noch Geiseln in Tunneln unter Gaza vegetierten, wurde Ihre
Existenz von Demonstrant*innen mit Farbe überschmiert, von vielen Funktionär*innen und Mandatsträger*innen der
Partei Die Linke ignoriert, von Intellektuellen verdrängt. Wer an sie erinnert,
stört das große Lügen Narrativ: Palästinenser = Opfer, Israel = Täter. Es ist
das politische Pendant zum Stockholm-Syndrom: Die Geiseln, so schien es, waren
selbst schuld – denn sie waren Israelis. Oder schlimmer: Juden.
Mehr als zwei Jahre nach dem Massaker und mit dem Frieden in
Gazaist Israel militärisch weniger bedroht als je zuvor, politisch jedoch mehr
isoliert denn je. In Talkshows diskutiert man nicht über die Täter von damals,
sondern über die Verhältnismäßigkeit der Opfer von heute. Und in deutschen
Stadien, wie bei St. Pauli, führte ein gelbes Band – Symbol der
Geisel-Solidarität – zu Gewaltandrohungen. Man solidarisiert sich lieber mit
den Judenmördern der Hamas, als mit
einem Baby, das in einem Tunnel aufwächst.
Die Aufklärung – dieses große Projekt der Vernunft – erlebt
in bestimmten Milieus ihren Rückbau in Echtzeit. Statt Dialektik:
Dämonisierung. Statt Differenzierung: Dogma. Und statt Humanität: blanke
Parteinahme für den, der am lautesten „Befreiung“ ruft, auch wenn er damit
„Vernichtung“ meint.
Die eigentliche Frage ist nicht mehr: Wie konnte es dazu
kommen?
Sondern: Warum hat es so wenig gestört?