Wenn antizionistische Empörung Realität formt
TL;DR: Wenn antizionistische Empörung Realität formt: Aus „fehlenden Leichen“ wird „Verdampfung“, aus Bericht Anklage, aus Tragödie Weltbild. Moral ersetzt Physik, Dramaturgie ersetzt Prüfung. Wer Gewissheit produziert, bevor Beweise geprüft sind, gefährdet journalistische Glaubwürdigkeit.
Über moralische Gewissheit, politische Dramaturgie und den Verlust
journalistischer Maßstäbe oder Wenn moralische Empörung die Physik
ersetzt und Antizionismus zur Erzählung gerinnt
Es gibt Texte, die berichten. Und es gibt Texte, die
bezeugen. Der Al-Jazeera-Beitrag „Israel
used weapons in Gaza that made thousands of Palestinians evaporate“ vom 10.
Februar 2026 will beides zugleich sein – Reportage und Anklage, Forensik und
Tribunal. Das Ergebnis ist ein Lehrstück darüber, wie Journalismus ins Rutschen
gerät, wenn er sich nicht mehr mit der Wirklichkeit begnügt, sondern sie
dramaturgisch zuspitzt.
„2.842
Palästinenser … ‚verdampft‘“, heißt es dort, dokumentiert vom Zivilschutz
in Gaza. Keine Schätzung, sondern „düstere
forensische Buchführung“. Wer wollte daran zweifeln? Zahlen wirken wie
Stahlträger im Gebäude der Wahrheit. Doch auch Stahl kann sich biegen, wenn er
unter politischem Druck gegossen wurde.
Der Text beginnt mit einer Mutter, die ihren Sohn nicht
findet. „Nicht
einmal einen Leichnam, den wir hätten begraben können.“ Ein Satz, der
sitzt. Er braucht keine Polemik, kein Beiwerk. Das Fehlen eines Körpers ist
bereits Anklage genug. Doch der Artikel belässt es nicht bei der Tragödie. Er
hebt sie auf eine andere Ebene – in die Chemie.
Die Metapher als Befund
Der menschliche Körper bestehe zu „80
Prozent aus Wasser“. Der Siedepunkt liege bei 100 Grad Celsius. Israelische
Bomben erzeugten 2.500 bis 3.500 Grad. „Das
Gewebe verdampft und verwandelt sich in Asche. Das ist chemisch unvermeidlich“,
wird ein Vertreter des Gesundheitsministeriums in Gaza zitiert.
Unvermeidlich. Ein Wort wie ein Naturgesetz.
Nur ist Journalismus kein Labor. Und moralische
Dringlichkeit ersetzt keine physikalische Bilanz. Die vollständige Verdampfung
eines menschlichen Körpers erfordert enorme Energiemengen – nicht nur Hitze,
sondern Energieübertragung, Einwirkzeit, Bedingungen. Thermobarische Waffen
existieren. Tritonal existiert. Aber „Verdampfung“
ist kein forensischer Befund, sondern eine Metapher, die sich als Befund
verkleidet.
Genau hier beginnt das Problem.
Der Artikel konstruiert eine Kette: Haus getroffen,
Bewohnerzahl bekannt, weniger Leichen geborgen, also „verdampft“.
Was als „Ausschlussmethode“
beschrieben wird, ist in Wahrheit eine Schlussfigur. Zwischen „nicht
geborgen“ und „chemisch
ausgelöscht“ liegt ein Abgrund aus Staub, Verschüttung,
Identifizierungsproblemen, sekundären Explosionen. Dieser Abgrund wird
rhetorisch übersprungen – mit dem Wort „verdampft“.
Das Wort arbeitet. Es tut mehr als erklären. Es
symbolisiert. Es erinnert an industrielle Vernichtung, an totale Auslöschung,
an die Idee, dass nichts bleibt. In einem europäischen Diskurs, der durch
Geschichte geprägt ist, ist das kein neutraler Begriff. Er ist politisch
aufgeladen – ob beabsichtigt oder nicht.
Man kann den Krieg Israels scharf kritisieren. Man kann die
humanitäre Katastrophe in Gaza benennen. Man kann Waffenlieferungen aus den USA
und Europa politisch angreifen. All das ist legitim. Doch wer aus der Hitze
einer Explosion eine chemische Notwendigkeit der Totalvernichtung ableitet,
bewegt sich vom Feld der Analyse ins Feld der Allegorie.
Vom Bericht zur Anklage
Der Artikel listet Waffentypen auf: MK-84, BLU-109, GBU-39.
Technische Details, Sprengstoffmischungen, Temperaturen. Das wirkt sachlich. Es
ist die Rhetorik des Handbuchs. Technik erzeugt Autorität. Doch die Auswahl der
Experten bleibt schmal: ein russischer Militärexperte, Vertreter des
Gesundheitsministeriums in Gaza, eine Juristin mit klarer politischer Position.
Keine unabhängigen Forensiker, keine westlichen Militäranalysten, keine
widersprechenden Stimmen.
Pluralität ist kein Luxus. Sie ist der Mindeststandard.
Stattdessen folgt der Text einer klaren Dramaturgie:
individuelle Tragödie – technische Erklärung – juristische Anklage – globale
Komplizenschaft. „Dies
ist ein globaler Völkermord, nicht nur ein israelischer“, wird Diana Buttu
zitiert. Das Wort „Genozid“
steht im Raum, nicht als Hypothese, sondern als moralische Feststellung.
Hier verschiebt sich die Ebene endgültig. Der Artikel
verlässt die Frage nach der konkreten Wirkung bestimmter Waffen und tritt in
den großen Gerichtssaal der Weltgeschichte. Israel wird zum Exekutor, der
Westen zum Zulieferer, die internationale Justiz zum Komplizen durch
Untätigkeit.
Das ist ein geschlossenes Weltbild. Und geschlossene
Weltbilder sind journalistisch bequem. Sie erklären alles – und lassen wenig
Raum für Zweifel.
Die Grenzlinie zwischen legitimer Israelkritik und
ideologischer Erzählung verläuft nicht dort, wo man staatliches Handeln
kritisiert. Sie verläuft dort, wo Begriffe und Bilder so gewählt werden, dass
sie politische Mobilisierung wahrscheinlicher machen als analytische Klärung.
„Verdampft“
ist ein solcher Begriff. Er verwandelt physische Zerstörung in metaphysische
Auslöschung. Er erzeugt eine Totalität, die kaum noch überprüfbar ist. Wer
nichts findet, kann nichts widerlegen. Das Unsichtbare wird zum stärksten
Beweis.
Gerade im europäischen Diskurs entfaltet diese Erzählung
Anschlussfähigkeit. In Teilen des linken Parteienspektrums dient der radikale
Antizionismus als moralisches Kapital. Wer die schärfsten Begriffe verwendet,
wer den größten historischen Vergleich bemüht, signalisiert Haltung. Empörung
ersetzt Differenzierung, und Differenzierung gilt schnell als Relativierung.
Doch Empörung ist kein Erkenntnisinstrument. Sie ist ein
politischer Treibstoff.
Der Al-Jazeera-Text bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Er
ist nicht einfach Propaganda. Er enthält reale Zahlen, reale Waffen, reale
Opfer. Aber er rahmt sie so, dass die Deutung fast alternativlos erscheint. Wer
widerspricht, so die implizite Botschaft, relativiert Leid.
Dabei ist das Gegenteil der Fall. Gerade wer Leid ernst
nimmt, sollte präzise sprechen. Wenn „fehlende
Leichen“ automatisch „Verdampfung“
bedeuten, wird aus Ungewissheit Gewissheit gemacht. Und wo Gewissheit behauptet
wird, ohne dass sie überprüfbar ist, beginnt Ideologie.
Antisemitismus tarnt sich heute selten mit alten Parolen. Er
tritt oft als moralische Empörung auf. Er nennt sich Antizionismus,
Menschenrechtsrhetorik, globale Gerechtigkeit. Das heißt nicht, dass jede
Kritik an Israel antisemitisch wäre – im Gegenteil. Aber wenn Israel als
einzigartig böser Akteur konstruiert wird, dessen Handeln nur noch im Vokabular
der totalen Vernichtung beschrieben wird, dann kippt Kritik in Dämonisierung.
Der Begriff „Genozid“
ist kein journalistischer Effekt. Er ist ein juristischer Tatbestand. Wer ihn
verwendet, sollte ihn beweisen können. Sonst wird er zur Chiffre, die mehr über
den Sprecher sagt als über die Faktenlage.
Zwischen Journalismus und Aktivismus verläuft keine Mauer.
Aber es gibt eine Schwelle. Sie wird überschritten, wenn Sprache nicht mehr
klärt, sondern auflädt; wenn technische Details nicht der Einordnung dienen,
sondern der Dramatisierung; wenn das moralische Urteil bereits feststeht und
die Recherche nur noch Material liefert.
Die Verantwortung öffentlicher Kommunikation ist in
hochpolarisierten Konflikten größer, nicht kleiner. Wer Begriffe wählt, die
historische Resonanzräume öffnen, sollte wissen, welche Geister er ruft.
Die Tragödie der Mutter, die ihren Sohn nicht findet,
braucht keine chemische Metapher. Sie ist erschütternd genug. Vielleicht wäre
es ehrlicher, die Lücken auszuhalten – das Nichtwissen, die Unsicherheit, die
forensischen Grenzen. Das wäre weniger spektakulär. Aber glaubwürdiger.
Am Ende bleibt eine Frage, die über diesen Artikel
hinausweist: Wollen wir einen Journalismus, der uns bestätigt, oder einen, der
uns prüft?
Denn zwischen der Hitze einer Explosion und der Hitze der
Empörung liegt ein Unterschied. Der eine verbrennt Körper. Der andere kann –
wenn er Maß und Präzision verliert – die Wahrheit verdampfen lassen.