Klassenkampf ohne Schatten

TL;DR: Antikommunismus kritisieren ist legitim. Aber wer wie Susann Witt-Stahl Gulag, Antisemitische KPD-Agitation & Antisemitische stalinistische Kampagnen ausblendet, ersetzt Analyse durch Frontstellung. Klassenkampf ohne Selbstkritik bleibt Pose. Emanzipation braucht doppelte Kritik – auch der eigenen Tradition

Kritik an Witt-Stahls Antikommunismus-These: Warum linke Selbstkritik, Antisemitismusdebatte und historische Erfahrung unverzichtbar bleiben.


Warum die Kritik am Antikommunismus nicht von der Pflicht zur Selbstkritik entbindet

Wer heute „Antikommunismus“ sagt, meint selten nur ein Vorurteil. Er meint eine Ideologie, eine Staatsräson, eine Disziplinierungsmaschine. Susann Witt-Stahl hat in der junge welt vom 11. Februar 2026 einen solchen Befund vorgelegt. Ihr Text „Der antikommunistische Impuls“ ist kein Bericht, sondern eine Intervention. Er will nicht abwägen, sondern entlarven. Das ist legitim. Aber wer entlarvt, sollte nicht selbst im Halbdunkel stehen.

Witt-Stahl zeichnet ein Panorama, das von Connewitz bis zur NATO-Osterweiterung reicht. „Linksautoritäre Gruppen mobilisieren mit Unterstützung von Neonazis“, zitiert sie das „Ideologieframing“ von Bell-tower News, um zu zeigen, wie schnell Kommunisten und Faschisten in einem Atemzug genannt werden. Die Totalitarismustheorie, so ihr Befund, liefere das passende Vokabular: Gewaltbereite Kommunisten, die mit Faschisten „an einem Strang ziehen“ und Juden hassen. Der Antikommunismus erscheine als moralische Hygiene.

Das Problem beginnt dort, wo Hygiene zur Ersatzhandlung wird. Witt-Stahl behauptet, Klassenanalyse werde heute als „toxische Verschwörungstheorie“ diffamiert, jede Rede von „herrschender und unterdrückter Klasse“ stehe unter Antisemitismusverdacht. Sie spricht von einem „linken McCarthyismus“, von einer Exkommunikation der „neuen K-Gruppen“, von einem „progressiven Antikommunismus“, der die „Formierung“ des Staates flankiere. Wer „Frieden mit Russland!“ fordere, werde zur „fünften Kolonne“ erklärt.

Das ist zugespitzt, aber nicht vollständig Erlogen oder aus der Luft gegriffen. Die Debatten um Ukrainekrieg, Israel, Antisemitismus und Klassenpolitik sind vergiftet. Wer heute außenpolitische Eskalation kritisiert, gerät schnell unter Verdacht, autoritäre Regime zu relativieren. Wer die NATO kritisiert, gilt als geopolitisch naiv. Wer Israel kritisiert, riskiert den Antisemitismusvorwurf. Das politische Klima ist rauer geworden.

Der blinde Fleck der Gewissheit

Doch Witt-Stahl begnügt sich nicht mit der Beschreibung eines rauen Klimas. Sie konstruiert eine Frontstellung. Hier die „klassenbewussten Marxisten“, dort die „Antiautoritären“, die als außerparlamentarischer Arm des rechten Parteiflügels erscheinen. Sie schreibt von „Schlägertrupps“ in Leipzig, die Antiimperialisten mit „Fäusten und Fahrradkettenschlössern“ bearbeiteten – Belege bleiben aus.

Mehr noch: Sie unterstellt diesen Akteuren ein „Bewusstsein“, Netanjahu sei ein „Antifaschist“ und die ukrainische Armee das „Schutzschild der zivilisierten Welt“. Das ist eine starke Zuschreibung mittels Diffamierung. Denn die Zuschreibung wird nicht belegt, sondern behauptet.

Man kann diese Polemik genießen. Sie ist scharf, rhythmisch, kampfbereit. Aber sie ersetzt Nachweis durch Imagination. Gerade dadurch wird sie bequem. Denn sie konstruiert, dass die ideologischen Verwerfungen der Gegenwart allein aus einem hegemonialen Antikommunismus resultieren, der die Klassenfrage ausradiere und die Linke domestiziere.

Dabei bleibt eine Frage unterbelichtet: Woher kommt das Misstrauen gegenüber bestimmten kommunistischen Traditionen? Entsteht es nur aus antitotalitärem Eifer? Oder auch aus historischen Erfahrungen?

Witt-Stahl attackiert die Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus als „totalitarismustheoretische Trope“. Sie hat recht: Wer beides unterschiedslos gleichsetzt, verwischt Unterschiede und entlastet Täter. Aber zwischen Gleichsetzung und Kritik liegt ein Raum, den ihr Text nicht betritt. Er bleibt auffällig unbegangen.

In diesem Raum stehen die Gulags, die Parteisäuberungen, die Verfolgung politischer Gegner, die Niederschlagung der Aufstände in Budapest 1956 und Prag 1968. Diese Geschichte ist kein Argument der Gegner. Sie gehört zur historischen Erfahrung kommunistischer Machtpraxis.

Wer sie nicht reflektiert, überlässt sie nicht nur anderen – er relativiert sie. Und wer jede Erinnerung daran als bloßes antikommunistisches Manöver deutet, reduziert historische Erfahrung auf Diskurspolitik.

Besonders heikel wird es dort, wo Witt-Stahl die Antisemitismusdebatte behandelt. Sie kritisiert Theoretiker, die einen „strukturellen Antisemitismus“ der KPD diagnostizieren oder in bestimmten Klassenbildern ein „simplifiziertes“ Weltbild erkennen: „Wir hier unten, die da oben.“ Sie deutet solche Einwände als Disziplinierungsinstrument.

Dabei bleibt ein Teil der Geschichte unerwähnt. In der Krisenphase von 1923 suchten führende KPD-Akteure zeitweise Anschluss an völkische Milieus. Antikapitalistische Agitation wurde dabei mit antisemitischen Chiffren aufgeladen. Ruth Fischer sprach im Juli 1923 von „jüdischen Kapitalisten“ und erklärte in polemischer Zuspitzung, wer gegen das „Judenkapital“ kämpfe, sei „schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß“.

Auch Hermann Remmele suchte rhetorische Brücken ins nationalistische Lager und erklärte antisemitische Ressentiments aus „begreiflichen“ kleinbürgerlichen Nöten. Diese Episoden waren innerparteilich umstritten – sie sind dennoch dokumentiert.

Hinzu kommen die antisemitischen Kampagnen im Stalinismus: die Zerschlagung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, die Verfolgung sogenannter „wurzelloser Kosmopoliten“, die Ärzteverschwörung. Antisemitismus wurde hier politisch instrumentalisiert – nicht als Randerscheinung, sondern als Herrschaftstechnik.

Diese Vorgänge sind kein Material antikommunistischer Mythenbildung. Sie gehören zur historischen Realität kommunistischer Machtpraxis. Wer sie ausblendet, verkürzt die eigene Tradition.

Zwischen Antiimperialismus und Lagerdenken

Witt-Stahl schreibt, Antiautoritäre betrachteten die BRICS-Staaten als „Achse der Konterrevolution“ und Palästinenser als „Kollaborateure“. Das mag sie für grotesk halten. Doch wenn Antiimperialismus dazu neigt, autoritäre Regime allein deshalb milder zu beurteilen, weil sie im Konflikt mit dem Westen stehen, dann entsteht ein anderes Problem: die Verwechslung von Gegnerschaft mit Fortschritt.

Antiimperialismus ist keine moralische Versicherung. Er erklärt nichts, wenn er nur die Fronten wechselt. Wer russische Aggression relativiert, weil die NATO expandiert hat, argumentiert geopolitisch – nicht emanzipatorisch. Wer autoritäre Tendenzen in China oder Iran ausblendet, weil sie als Gegengewicht zum Westen fungieren, ersetzt Analyse durch Lagerdenken.

Witt-Stahl zitiert Michael Parenti und dessen Formel „Anything but class“. Die herrschende Klasse, so Parenti, habe sich durch Diskursverschiebungen aus der Wahrnehmung verabschiedet. Das ist ein scharfer Befund. Aber er entbindet nicht von der Pflicht, Klassenanalyse mit einer Analyse von Herrschaftsformen zu verbinden, die nicht nur kapitalistisch, sondern auch bürokratisch, nationalistisch oder religiös begründet sein können.

Die Klassenfrage verschwindet nicht, nur weil man sie ausspricht. Und sie wird nicht präziser, nur weil man sie gegen jede andere Kritik verteidigt. Wenn Witt-Stahl schreibt, „Antiautoritäre“ setzten gegen „autoritäre Kommunisten“ auf einen autoritären Staat, dann ist das ein wirkungsvoller Satz. Er blendet jedoch aus, dass autoritäre Versuchungen auch im revolutionären Gestus selbst liegen können: in Kaderdisziplin, im Parteiaufbau, in der Vorstellung historischer Notwendigkeit.

Revolutionäre Rhetorik ersetzt keine Analyse. Sie kann mobilisieren, aber sie kann auch blind machen. Der Satz, dass Klassenbewusstsein nicht gegen Antisemitismuskritik ausgespielt werden dürfe, ist kein bürgerliches Mantra, sondern eine Erinnerung daran, dass ökonomische Kategorien moralische Kategorien nicht automatisch klären.

Witt-Stahls Text lebt von der Dichotomie: hier der klassenkämpferische Internationalismus, dort der staatsnahe Antikommunismus. Diese Gegenüberstellung unterschätzt die Ambivalenzen. Teile der Linken sind staatstragend geworden, ja. Aber andere Teile haben autoritäre Muster nie wirklich hinter sich gelassen. Zwischen Staatsloyalität und Revolutionspathos liegt kein reiner Raum.

Die gegenwärtige „Zeitenwende“ mit Aufrüstung und Blockkonfrontation verlangt Kritik. Militarisierung darf nicht als Naturgesetz hingenommen werden. Wer auf soziale Verwerfungen hinweist, erfüllt keine Kreml-Agenda. Doch ebenso wenig ist jede Kritik am Antiimperialismus Ausdruck von Staatsräson.

Vielleicht liegt die eigentliche Schwäche des Textes nicht in seiner Polemik, sondern in seiner Gewissheit. Er weiß zu genau, wo die Front verläuft. Er kennt den Feind, bevor er fragt. Das macht ihn schlagkräftig – und anfällig.

Eine doppelte Kritik wäre mühsamer. Sie würde den Antikommunismus als Ideologie analysieren, ohne kommunistische Traditionen zu immunisieren. Sie würde Militarisierung kritisieren, ohne autoritäre Regime zu verharmlosen. Sie würde Israel verteidigen, ohne jede Regierungspolitik sakrosankt zu erklären. Und sie würde Klassenanalyse betreiben, ohne sie zur metaphysischen Instanz zu erheben.

Der politische Diskurs braucht weniger Exkommunikation und mehr Präzision. Wer jede Antisemitismuskritik als „Ideologieframing“ abtut, riskiert Blindheit. Wer jede Klassenanalyse als autoritär diffamiert, ebenso.

Die Frage ist nicht, ob Antikommunismus existiert. Er existiert. Die Frage ist, ob seine Kritik ohne Selbstkritik auskommt. Eine Linke, die nur die Verfehlungen der anderen zählt, wird ihre eigenen nicht los.

Vielleicht wäre das der Anfang einer ernsthaften Debatte: nicht „Anything but class“, aber auch nicht „Class above all“. Sondern die Einsicht, dass Emanzipation mehr verlangt als die richtige Frontstellung. Wer das vergisst, wird immer wieder überrascht sein – von der Geschichte und von sich selbst.

 

 

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