„Hyper-Zionism“: Erlösung als Argument
TL;DR: „Hyper-Zionism“ erklärt Deutschlands Israel-Politik zur Erlösungsneurose und wittert „Zionist McCarthyism“. Doch wo Belege nötig wären, stehen Metaphern & Fake-News . Wer Daten ignoriert um Motive zu „beweisen“, betreibt weniger Kritik als Umcodierung der Debatte. Haltung ersetzt kein Argument.
Ein Buch tut so, als zerlege es einen ideologischen Block.
Tatsächlich errichtet es selbst einen. „Hyper-Zionism“ will abrechnen. Mit
Deutschland. Mit seiner Erinnerung. Mit seiner Haltung zu Israel.
Hans Kundnani eröffnet den Band mit der Behauptung,
Deutschland betreibe eine „quasi-redemptive politics“ gegenüber Israel.
Unterstützung Israels erscheine als „means of moral purification“. Das klingt
analytisch. Es ist aber weniger Analyse als Motivunterstellung. Wer Israels
Existenzrecht bejaht, wird hier nicht politisch verortet, sondern psychologisch
erklärt. Politik schrumpft zur Therapie.
Man kann das versuchen. Aber man müsste dann zeigen, dass
diese „Erlösungspolitik“ konsistent ist. Sie ist es nicht. Deutschland
finanziert die UNRWA, unterstützt die Palästinensische Autonomiebehörde,
votiert in der EU für Kennzeichnungspflichten von Siedlungsprodukten. Wer darin
„bedingungslose“ Parteinahme erkennt, sollte das Wort Bedingung erklären.
Stattdessen operiert der Band mit Verdichtungen. Aus einem
politischen Spannungsfeld wird ein Syndrom.
Daniel Marwecki spricht von einer „Überidentifikation mit
israelischen Juden“, die „in the German imagination have become new Aryans“.
Der Satz ist als Provokation gebaut. Er soll die moralische Ungeheuerlichkeit
der deutschen Philosemitismus-Rhetorik entlarven. Doch er verrät mehr über die
Methode als über den Gegenstand.
Wer Israelis mit „neuen Ariern“ vergleicht, um deutsche
Erinnerungspolitik zu kritisieren, verschiebt die Kategorien. Der Vergleich
soll dekonstruieren, produziert aber eine neue Metapher, die mehr vernebelt als
klärt. Die Denkbewegung endet im Bild.
Ähnlich verfährt der Band mit dem Vorwurf eines „Zionist
McCarthyism“. Kundnani und andere Autoren behaupten, Kritiker Israels würden
„silenced through legal and policing mechanisms“. Der Begriff ist nicht
zufällig gewählt. McCarthyismus steht für Gesinnungsterror, Berufsverbote,
Angst.
Doch wo ist die strukturelle Parallele? In Berlin werden
hunderte propalästinensische Veranstaltungen angemeldet, nur ein Bruchteil
untersagt – meist nach Gewaltaufrufen. BDS ist nicht verboten, erhält lediglich
keine staatliche Förderung. Man kann diese Politik kritisieren. Aber sie mit
McCarthy zu vergleichen, heißt Maßstäbe verschieben. Der Begriff dient hier
weniger der Aufklärung als der Dramatisierung.
Hanno Hauenstein liefert ein Beispiel für diese Dramaturgie.
Er schreibt, der Bundestagsbeschluss gegen BDS habe 2020 zur „cancellation“
einer Rede Achille Mbembes geführt. Tatsächlich fiel die gesamte Ruhrtriennale der COVID Pandemie
zum Opfer. Der Fehler ist nicht klein. Er ist symptomatisch.
Wenn die These lautet, Deutschland betreibe eine
systematische „Cancel Culture“ gegen propalästinensische Stimmen, dann sollte
der Beleg tragen. Hier trägt er nicht. Der Skandal wird von Hauenstein behauptet,
bevor er belegt ist.
Esra Özyürek erklärt die staatliche Bekämpfung muslimischen
Antisemitismus zur „islamophobic displacement of guilt“. Prävention erscheint
bei ihr nicht als Reaktion auf ein Problem, sondern als Manöver. Der Staat
verschiebe Schuld, um sich selbst zu entlasten.
Das kann man behaupten. Man sollte es dann belegen.
Özyürek geht weiter. Sie bestreitet das Problem in seiner
empirischen Dimension. „There are no empirical studies demonstrating higher
levels of antisemitism among Muslims in Germany.“ Das ist kein Deutungsangebot,
sondern ein Satz mit Tatsachenanspruch.
Er ist überprüfbar. Und er ist überprüft worden – mehrfach.
In einer repräsentativen Befragung des American Jewish
Committee aus dem Jahr 2022
stimmten 45 Prozent der befragten Muslime in Deutschland der Aussage zu, Juden
hätten „zu viel Macht in der Politik“. Unter Nichtmuslimen waren es 18 Prozent.
Man kann über Frageformate streiten. Man kann sozioökonomische Variablen
einbeziehen. Man kann darauf hinweisen, dass „Muslime“ keine homogene Gruppe
sind. All das ist richtig – und ändert doch nichts daran, dass es entsprechende
Studien gibt.
Es gibt weitere Erhebungen, die ähnliche Tendenzen zeigen,
auch wenn sie differenziert gelesen werden müssen. Wer hier pauschal Entwarnung
gibt, ersetzt Analyse durch Negation.
Man kann vor Stigmatisierung warnen, ohne Daten zu leugnen.
Man kann Diskriminierung bekämpfen und zugleich antisemitische Einstellungen
benennen. Beides steht nicht im Widerspruch.
Aber man kann nicht behaupten, es gebe keine empirischen
Hinweise, wenn sie vorliegen. Das ist keine Kritik mehr an deutscher
Erinnerungspolitik. Das ist eine Form der Ausblendung.
Und Ausblendung ist das Gegenteil von Aufklärung.
Das Grundproblem des Bandes liegt weniger in seiner Kritik
als in ihrer Monokausalität. Deutschlands Verhältnis zu Israel wird fast
durchgehend als Schuldkompensation gelesen. Andere Motive – strategische,
historische, normative – treten zurück. Die politische Entscheidung erscheint
als Symptom.
Damit wird die Debatte enger, nicht weiter.
Der Band will die deutsche Erinnerungskultur „revisieren“.
Revision ist kein Schimpfwort. Erinnerung ist kein Dogma. Doch Revision
verlangt Genauigkeit. Sie verlangt, Ambivalenzen auszuhalten. Deutschland kann
zugleich aus seiner Geschichte lernen und Fehler machen. Es kann Israel
unterstützen und es kritisieren. Es kann Antisemitismus bekämpfen und dabei
überziehen.
„Hyper-Zionism“ aber kennt vor allem eine Richtung: Die
Unterstützung Israels ist überzogen, pathologisch, gefährlich. Sie drohe, so
der Subtext, „into a new form of authoritarian conformity“. Der Schritt vom
Holocaustgedenken zum neuen Faschismus wird angedeutet, nicht begründet.
Das ist eine starke These. Zu stark vielleicht für die
Belege, die der Band liefert.
Ironischerweise reproduziert das Buch, was es kritisiert:
eine Tendenz zur Totalisierung. Wo es „Hyper-Zionismus“ diagnostiziert,
praktiziert es eine Art Hyper-Kritik. Jede politische Maßnahme wird in ein
Erlösungsnarrativ eingespannt. Jeder Konflikt erscheint als Symptom eines
nationalen Neurosenkomplexes.
Man kann das lesen als Versuch, die deutsche Debatte zu
öffnen. Man kann es aber auch lesen als Versuch, sie umzucodieren: Wer Israels
Existenz- und Verteidigungsrecht bejaht, steht unter Ideologieverdacht.
Das ist weniger Befreiung als Verschiebung.
„Hyper-Zionism“ hätte ein wichtiges Buch werden können: eine
nüchterne Analyse deutscher Staatsräson im Lichte neuer Konflikte. Stattdessen
entscheidet es sich für das große Wort. Für McCarthy. Für Erlösung. Für
Faschismus im Schatten.
Das Ergebnis überzeugt weniger durch Argument als durch
Haltung. Und Haltung ersetzt kein Argument – sie verlangt es.
„Hyper-Zionism:
Germany, the Nazi Past and Israel"
Beiträge von Daniel Cohen, Hanno Hauenstein, Hans Kundnani,
Daniel Marwecki, A. Dirk Moses, Nahed Samour, Adam Tooze, Jürgen Zimmerer and
Esra Özyürek
Herausgegebene von Hans Kundnani