Epstein, Israel und die Abkürzung des Denkens

TL;DR: Epsteins Akten zeigen globale Elitennetzwerke, kein israelisches Komplott. FBI-Dokumente protokollieren Gerüchte, keine Beweise. Aus Herkunft oder Namen wie Rechtsextreme Amerikaner wie Tucker Carlson oder Deutsche Linke eine „Nähe zum Mossad“ zu destillieren ist keine Aufklärung, sondern Projektion.


Analyse, warum Verschwörungstheorien um Jeffrey Epstein auffällig bei Israel oder Juden enden – und wie antisemitische Denkmuster dabei Komplexität ersetzen.

Jeffrey Epstein war vieles: ein Serienverbrecher, ein Pädophiler, ein Zyniker der Macht, ein Nutznießer elitärer Gleichgültigkeit. Was er nicht war: der Beweis für eine jahrhundertealte Erzählung, die immer dann aus der Mottenkiste geholt wird, wenn Komplexität lästig wird. Dennoch scheint es für erstaunlich viele Menschen keine fünf Minuten zu dauern, bis aus einem amerikanischen Sexualstraftäter ein israelisches Komplott wird.

Das Muster ist bekannt. Es beginnt mit einer scheinbar harmlosen Frage – „Warum wird darüber nicht gesprochen?“ – und endet zuverlässig bei Mossad, Israel oder „den Juden“. Dazwischen liegt kein Erkenntnisgewinn, sondern eine Abkürzung. Sie führt nicht zur Wahrheit, sondern zu einem alten Feindbild.

Typisch ist dabei die rhetorische Einstiegsfrage, die sich als Neugier tarnt, aber bereits die Richtung vorgibt: Warum werde kaum über angebliche FBI-Dokumente gesprochen, die Epstein mit dem Mossad in Verbindung brächten, während man stattdessen über Russland spekuliere? Der Erkenntnisgewinn dieser Frage liegt nicht im Beleg, sondern in der Unterstellung.

Epsteins Akten sind öffentlich, zumindest teilweise. Sie nennen Namen aus Politik, Wirtschaft und Adel. Amerikanische Präsidenten tauchen auf, britische Prinzen, saudische Kronprinzen, Milliardäre aus New York, London und dem Golf. Die Liste ist global, banal in ihrer Elitenhaftigkeit. Wer sie liest, sieht vor allem eines: Macht schützt sich selbst.

Doch genau das scheint für manche unbefriedigend. Macht als System ist unerquicklich, weil sie strukturell ist. Sie hat keine Adresse, keinen eindeutigen Schuldigen. Also wird sie personalisiert. Und noch besser: ethnisiert.

In dieser Logik wird Epstein nicht mehr als Teil eines globalen Machtmilieus gelesen, sondern als Scharnier einer angeblich verborgenen Steuerung. So heißt es dann, die Akten belegten, dass Rechte und Linke gleichermaßen gelenkt worden seien, während ihre Gegnerschaft nur Inszenierung gewesen sei – mit Epstein als Verbindungsmann eines israelischen Geheimdienstes.

Ein frühes Symptom dieser Verschiebung ließ sich etwa beim britischen Politiker Jeremy Corbyn beobachten. Als Epsteins Name fiel, sprach Corbyn ihn demonstrativ als „Epshteen“ aus – eine scheinbare Nebensächlichkeit, die vielen Juden sofort auffiel. Der Autor David Baddiel kommentierte trocken, er wisse nicht, ob hier unbewusster Antisemitismus im Spiel gewesen sei, aber: „Das ist jedem Juden aufgefallen.“ Der anschließende Furor seiner Anhänger richtete sich nicht gegen die Ungenauigkeit, sondern gegen den Hinweis darauf.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums spekulierte der konservative Kommentator Tucker Carlson – ohne überprüfbare Belege –, Epstein könne für den Mossad gearbeitet haben. Diese Behauptung wurde in rechten wie linken Milieus dankbar aufgegriffen, variiert und weitergetragen. Als Indiz diente weniger Faktisches als Bekanntes: Gerüchte über Robert Maxwell, lose Assoziationen, das alte Raunen vom Geheimdienst im Hintergrund.

Besonders deutlich wird die Eskalation dort, wo aus Andeutungen offene Zuschreibungen werden. In sozialen Netzwerken und Leserbriefen wird Epstein dann nicht mehr als mutmaßlicher Straftäter beschrieben, sondern explizit als Mossad-Agent, der angeblich im Dienst Israels oder jüdischer Finanzdynastien gehandelt habe.

In diesem Denken genügt Nähe als Schuld, Herkunft als Verdacht, ein Name als Beweis. Wer so argumentiert, müsste konsequenterweise auch fragen, ob Epstein für Saudi-Arabien, Großbritannien oder die USA tätig gewesen sei – schließlich unterhielt er dort nachweislich engere und dokumentierte Kontakte. Doch solche Fragen werden selten gestellt. Sie würden das Feindbild verwässern.

So werden aus Hunderten Kontakten zwei oder drei jüdisch oder israelisch klingende Namen herausgepickt. Nicht, weil sie zentral wären, sondern weil sie passen. Sie passen zu einer Erzählung, die älter ist als jeder Geheimdienst: der Vorstellung eines verborgenen jüdischen Netzwerks, das im Hintergrund die Fäden zieht.

Das ist keine Analyse. Das ist Mustererkennung unter ideologischer Voreinstellung.

Die Behauptung, Epstein habe für den Mossad gearbeitet, kursiert, durch Charlie Kirk (den getöteten Rechten US Talker und Chef on Tuning Point USA) erfunden, seit Jahren. Beweise gibt es keine. Es gibt Gerüchte über Robert Maxwell, halbseidene Anekdoten, das Raunen derer, die schon wissen, wie es eigentlich war. In diesem Milieu genügt Nähe als Schuld, Herkunft als Indiz, Name als Beweis.

Wer so argumentiert, müsste konsequenterweise fragen, ob Epstein auch für Saudi-Arabien, Großbritannien oder die USA arbeitete. Schließlich pflegte er dort nachweislich engere Kontakte. Doch diese Fragen werden selten gestellt. Sie würden das Feindbild verwässern.

Auffällig ist nicht nur was behauptet wird, sondern wer es behauptet. Die extrem rechte Verschwörungsszene, christlich-nationalistische Influencer, Neonazis – sie waren früh dabei. Neu ist, dass ihnen von links flankiert wird. In Europa von „Antiimperialistischen Aktivist*innen“ in Europa , in den USA Teile der Democratic Socialists of America(DAS) und Teile des antiisraelische Online-Milieus. Unterschiedliche Vokabeln, gleiche Richtung.

Die einen sagen „Globalisten“, die anderen „Zionisten“. Gemeint sind dieselben.

Man könnte das als ideologische Konvergenz bezeichnen. Oder schlichter: als Wiederverwertung eines alten Ressentiments unter neuen Vorzeichen. Der Antisemitismus ist flexibel. Er passt sich an. Wo früher „Wucher“ stand, steht heute „Finanzelite“. Wo einst von „Rassenschande“ die Rede war, spricht man nun von „moralischer Verderbnis“.

Jeffrey Epstein eignet sich hervorragend für diese Projektion. Der reiche Jude, der in elitäre Kreise eindringt, junge Frauen missbraucht, Netzwerke nutzt. Es ist der antisemitische Mythos in Reinform, aktualisiert für das Zeitalter von Twitter und Telegram.

Dass Epsteins jüdische Herkunft für seine Taten keinerlei erklärende Kraft besitzt, ist dabei nebensächlich. Sie wird relevant gemacht. Nicht aus Interesse an Wahrheit, sondern aus Bedürfnis nach Sinnstiftung. Wer die Welt als unübersichtlich erlebt, greift gern zu Erzählungen, die Ordnung versprechen. Auch wenn diese Ordnung auf Lügen beruht.

Historisch ist das gut dokumentiert. Juden wurden für Pestepidemien verantwortlich gemacht, für Kapitalismus und Kommunismus zugleich, für kulturellen Verfall und politische Niederlagen. Immer dann, wenn Gesellschaften ihre eigenen Widersprüche nicht aushalten wollten, wurde ein externer Schuldiger erfunden.

Der Epstein-Komplex ist nur die neueste Variante.

Dabei wäre genug zu sagen über die tatsächlichen Strukturen: über Klassenjustiz, über die Komplizenschaft von Institutionen, über das Wegsehen von Polizei und Politik. Über eine Gesellschaft, die Reichtum mit Unantastbarkeit verwechselt. All das ließe sich aus Epsteins Geschichte lernen.

Doch diese Lektionen sind mühsam. Sie verlangen Kritik nach innen, nicht nach außen. Antisemitische Verschwörungsmythen sind bequemer. Sie entlasten. Die Schuld liegt dann nicht bei „uns“, sondern bei „denen“.

Besonders unerquicklich ist, wie diese Erzählungen moralisch aufgeladen werden. Wer widerspricht, gilt schnell als Komplize, als Teil des Netzwerks. Kritik wird nicht widerlegt, sondern delegitimiert. Der Antisemitismus tarnt sich als Aufklärung.

Das ist kein Zufall, sondern Methode.

Es ist dabei unerheblich, ob die Absender sich als links oder rechts verstehen. Entscheidend ist die Struktur des Denkens. Sie ist binär, immun gegen Gegenargumente und erstaunlich resistent gegen Fakten. Israel wird nicht analysiert, sondern symbolisiert. Als Chiffre für alles, was man ablehnt: Macht, Einfluss, Moderne.

Dass es reale politische Kritik an israelischer Regierungspolitik gibt, steht auf einem anderen Blatt. Doch wer aus dem Epstein-Skandal eine israelische Angelegenheit macht, kritisiert keine Politik. Er reproduziert ein Weltbild, in dem Juden stets im Zentrum des Bösen stehen.

Man muss dafür kein Neonazi sein. Es reicht, alte Muster neu zu benennen.

Die Gefahr liegt nicht nur in der Lüge selbst, sondern in ihrer Anschlussfähigkeit. Wenn extreme Rechte und radikale Linke dieselben Feindbilder bedienen, verschiebt sich der Diskurs. Antisemitismus wird normalisiert, weil er von verschiedenen Seiten kommt. Er erscheint plural, fast demokratisch.

Das macht ihn gefährlich.

Epsteins Verbrechen verdienen Klarheit, keine Mythen. Sie verlangen Benennung der Täter, nicht ihrer Ethnie. Sie verlangen Gerechtigkeit für die Opfer, nicht die Bestätigung jahrhundertealter Ressentiments.

Wer aus denselben Akten schließt, Israel sei der Kern des Skandals, offenbart weniger investigative Schärfe als eine ideologische Brille, die alles einfärbt. Die Akten sagen viel. Aber sie sagen nichts über jüdische Kollektivschuld.

Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, warum Verschwörungsmythen bei Juden enden. Sondern warum so viele bereitwillig dort anfangen.

 

 

 

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