Die Gewissheit der Selbstgerechten
TL;DR: Wenn linke Politik aufhört zu fragen und beginnt, sich moralisch sicher zu sein, wird Geschichte zur Ressource und Kritik zum Bekenntnis. Antizionistische Gewissheit ersetzt Analyse – und reproduziert, was sie bekämpfen will.
Wie ein linker Arbeitskreis Israel erklärt – und sich
selbst dabei erlöst
Man erkennt politische Programme nicht nur an dem, was sie
fordern, sondern an dem, was sie nicht mehr fragen. Wenn Zweifel verschwinden,
beginnt die Gewissheit. Und wo Gewissheit regiert, ist Denken nur noch
Staffage. Das Selbstverständnis der LAG Palästinasolidarität Baden-Württemberg
liest sich wie ein Dokument dieser Gewissheit: geschlossen, eindeutig,
moralisch aufgeräumt. Wer hier spricht, weiß bereits, wer Täter ist, wer Opfer,
wer auf der richtigen Seite der Geschichte steht – und wer nicht.
Schon der Einstieg setzt den Ton. Die LAG sei eine „offene
Arbeitsgemeinschaft“, heißt es, offen allerdings nur in der Form, nicht im
Inhalt. Man setze sich ein für die „Beendigung aller
Gewaltakte gegen die palästinensische Bevölkerung“ und für die „Aufarbeitung des
Genozids in Gaza“ . Der Begriff ist gesetzt, die Debatte erledigt. Wer hier
noch fragt, ob der Genozidbegriff analytisch trägt oder politisch
instrumentalisiert wird, hat offenbar den Ernst der Lage nicht verstanden.
Moral ersetzt Prüfung.
Diese Art von Sprache ist kein Zufall. Sie ist Methode. Sie
erlaubt es, die eigene Position als Konsequenz historischer Verantwortung
auszugeben, während jede abweichende Deutung als moralischer Defekt erscheint.
„Palästinasolidarität“ sei „Ausdruck
historischer Verantwortung und daher unstrittig und nicht verhandelbar.“.
Unstrittig. Nicht verhandelbar. Politik wird zur Glaubensfrage, Geschichte zum
Lieferanten eindeutiger Lehren.
Geschichte als Argument, Schuld als Ressource
Auffällig ist dabei die rhetorische Bewegung, mit der
deutsche Geschichte in Anschlag gebracht wird. Die „historischen
Verbrechen Deutschlands“ dürften keine neuen Verbrechen legitimieren, heißt
es. Das klingt zunächst wie eine Selbstverständlichkeit. Doch der Satz kippt in
dem Moment, in dem aus der Erinnerung an Auschwitz eine Argumentationshilfe
gegen den jüdischen Staat wird. Verantwortung wird nicht als Verpflichtung zur
Wachsamkeit gegenüber Antisemitismus verstanden, sondern als Auftrag, Israel
politisch zu delegitimieren. Die Schuld wandert – und mit ihr die Entlastung.
Den Kern des Selbstverständnisses bildet die Bestimmung des
Zionismus. Er wird „klar als
rassistische, ethnonationalistische Ideologie“ benannt. Klarheit ist hier
kein Ergebnis von Analyse, sondern deren Ersatz. Zionismus erscheint nicht als
historisch widersprüchliche Bewegung jüdischer Selbstbehauptung unter den
Bedingungen europäischer Verfolgung, sondern als ahistorisches Gewaltprinzip.
Dass eine solche Totalisierung zwangsläufig blind macht für Unterschiede,
Brüche und innere Konflikte, scheint einkalkuliert. Sie ist notwendig, um das
Feindbild stabil zu halten.
Gleichzeitig wird jede Kritik an dieser Setzung präventiv
neutralisiert. Die „Gleichsetzung von
Antizionismus und Antisemitismus“ wird „entschieden
zurückgewiesen“. Antisemitisch sei vielmehr die „Gleichsetzung von
Juden:Jüdinnen mit dem israelischen Staat“. Das ist richtig – und doch
verräterisch verkürzt. Denn das eigentliche Problem liegt nicht in einer
Gleichsetzung, sondern in der Konstruktion Israels als kollektiver Täter, als
Projekt, das nur als Gewaltverhältnis gedacht werden kann. Wenn Zionismus
ausschließlich als Unterdrückungserfahrung der Palästinenser beschrieben wird,
dann verschwindet der Jude erneut aus der Geschichte – diesmal nicht als Objekt
des Hasses, sondern als Objekt der Kritik.
Nationalismus mit gutem Gewissen
Der Text ist durchzogen von einer vertrauten linken
Erzählung: Imperialismus, Kapitalismus, Kolonialismus. Israelische Gewalt
erscheine als „Resultat
imperialistischer und kapitalistischer Ausbeutung“. Die Region wird zur
Bühne, auf der immer dasselbe Stück gespielt wird, nur mit wechselnden
Statisten. Was nicht in dieses Schema passt – etwa die Tatsache, dass Juden im
Nahen Osten nicht als Kolonisatoren, sondern als Minderheit agierten –, wird
ausgeblendet. Theorie ersetzt Empirie.
Besonders deutlich wird das im Umgang mit Nationalismus.
Offiziell wendet man sich gegen Rassismus und Apartheid, faktisch aber
affirmiert man ein anderes nationales Befreiungsnarrativ. Die „palästinensische
Befreiung“ erscheint als unproblematisches Ziel, als moralisch saubere
Sache. Dass auch sie national organisiert ist, dass auch sie Ausschlüsse
produziert, dass auch sie Gewalt legitimiert, bleibt unerwähnt. Nationalismus
ist nur dann ein Problem, wenn er der falsche ist.
Diese Blindstelle hat Konsequenzen. Sie erlaubt es,
Solidarität selektiv zu verteilen. Zwar erklärt die LAG ihre Unterstützung auch
für Israelis, „die
für einen gerechten Frieden einstehen“, doch dieser Zusatz wirkt wie eine
Fußnote. Der Maßstab ist klar: Wer sich dem dominanten Deutungsrahmen fügt,
darf dazugehören. Wer ihn infrage stellt, riskiert, als Teil des Problems zu
gelten.
Der politische Stil, der daraus folgt, ist
defensiv-aggressiv. Man sieht sich „Diffamierung und
Kriminalisierung“ ausgesetzt, beklagt Angriffe auf Meinungs- und
Versammlungsfreiheit, spricht von Repression durch Medien, Polizei und Politik.
Das mag im Einzelfall zutreffen. Doch strukturell dient diese
Selbstbeschreibung der Immunisierung. Kritik wird externalisiert, als
autoritärer Angriff gedeutet, nicht als Anlass zur Selbstprüfung. Wer
widerspricht, steht schnell im Verdacht, Teil eines Unterdrückungsapparates zu
sein.
Dabei wäre Selbstprüfung gerade hier notwendig. Denn das
Selbstverständnis der LAG ist weniger eine Analyse des Nahostkonflikts als ein
Spiegel innerlinker Bedürfnisse. Es bietet Orientierung in einer
unübersichtlichen Welt, klare Fronten, eindeutige Moral. Der Sozialismus
erscheint als rettender Rahmen, getragen von der Arbeiter:innenklasse –
eine Formel, die mehr über Sehnsucht als über politische Realität aussagt. Die
großen Worte wirken wie aus einem Archiv entnommen, nicht aus der Gegenwart.
Was dabei verloren geht, ist der kritische Impuls, der linke
Politik einmal ausgezeichnet hat: das Misstrauen gegenüber kollektiven
Heilsversprechen, die Skepsis gegenüber moralischer Eindeutigkeit, die
Einsicht, dass Geschichte keine Gebrauchsanweisung liefert. Stattdessen tritt
eine Haltung, die sich ihrer selbst zu sicher ist. Eine Linke, die weiß, dass
sie recht hat, bevor sie denkt.
Man könnte sagen: Hier vollzieht sich eine Verschiebung von
Kritik zu Bekenntnis. Das Politische wird nicht mehr als Feld von Widersprüchen
begriffen, sondern als Bühne moralischer Positionierung. Israel dient dabei als
Projektionsfläche. An ihm kann man zeigen, dass man auf der richtigen Seite
steht, dass man aus der Geschichte gelernt hat – auch wenn dieses Lernen vor
allem darin besteht, die Geschichte gegen ihre Opfer zu wenden.
Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet der Anspruch,
Antisemitismus entschieden entgegenzutreten, zur Voraussetzung seiner
strukturellen Reproduktion wird. Nicht als offener Hass, sondern als moralische
Gewissheit. Nicht als Parole, sondern als Weltbild. Wer Antisemitismus nur dort
sucht, wo er offen auftritt, übersieht ihn dort, wo er sich als Kritik tarnt.
Am Ende bleibt die Frage, die der Text selbst nicht mehr
stellt: Was heißt es, nach Auschwitz links zu sein? Heißt es, sich auf die
Seite der vermeintlich Unterdrückten zu schlagen, egal welche politischen
Formen diese Unterdrückung annimmt? Oder hieße es nicht vielmehr, jeder Form
von nationaler Erlösung zu misstrauen – gerade dann, wenn sie sich revolutionär
gibt?
Das Selbstverständnis der LAG Palästinasolidarität
Baden-Württemberg gibt darauf eine klare Antwort. Vielleicht zu klar. Die
offenere Frage wäre produktiver – und unbequemer: Wie viel Gewissheit
verträgt eine Politik, die sich kritisch nennen will, ohne aufzuhören, kritisch
zu sein?