„Wir haben uns etwas versprochen“ – Michel Friedmans Rede gegen Gleichgültigkeit und für demokratische Verantwortung

TL;DR: „Jeder ist jemand. Aber die Partei des Hasses erklärt: Einige Menschen sind niemand“, sagte Friedman in seiner Rede zum Holocaust-Gedenken im Niedersächsischen Landtag über die AfD. Seine Rede am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus war kein Ritual, sondern ein Weckruf: Demokratie stirbt nicht nur am Hass – sondern an der Gleichgültigkeit ihrer Verteidiger

 

Michel Friedmans Rede zum Holocaust-Gedenktag 2026 im Landtag Niedersachsen: ein Weckruf für Demokratie, gegen Rechtsextremismus und politische Gleichgültigkeit.

Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus konfrontiert Friedman den niedersächsischen Landtag mit unbequemen Wahrheiten über Vergangenheit, Gegenwart – und die Bequemlichkeit der Demokratieverteidiger.

Ein Tag der Erinnerung, ein Redner mit Gedächtnis. Am 27. Januar 2026 sprach Michel Friedman im Landtag von Niedersachsen. Es war der offizielle Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus – und die Rede des ehemaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden war weder Trostritual noch Pflichtprogramm. Sondern ein Weckruf. Adressat: alle Demokratinnen und Demokraten. Ziel: die Wiederbelebung eines Versprechens. Methode: Konfrontation.

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich mit Ihnen heute anfangen soll.“

So beginnt Friedman – nicht mit Pathos, sondern mit Ratlosigkeit. Was folgt, ist eine rhetorische und politische Zerlegung jenes Bundestagssegments, das sich in blauen Anzügen als Bürgerwille tarnt, aber in seinen Programmen nach Abschiebung, Ausgrenzung und Autoritarismus ruft. Die AfD nennt er nicht oft, aber präzise: „Partei des Hasses“. Kein Etikett, sondern ein Befund.

„Der USP ihrer Partei ist Menschenhass, ist Menschen gegen Menschen aufwiegeln.“

Demokratisch gewählt – aber demokratisch?

Friedman stellt eine Grundsatzfrage, die zu oft mit Formalismus abgewehrt wird: Reicht demokratische Wahl zur demokratischen Legitimation? Seine Antwort: nein.

„Glauben Sie wirklich, dass Sie Demokraten geworden sind, nur weil Sie gewählt wurden?“

Dass Demokratien an Urnen enden, haben nicht nur die 1930er gezeigt. Die Geschichte kennt auch Diktatoren mit Mehrheit. Friedman verweigert sich dem reflexhaften Aufrechnen von linken und rechten Extremen. Nicht, weil er nicht um die Gefahren weiß – sondern weil er weiß, wie unterschiedlich sie sich historisch manifestierten. Die größten Anschläge gegen jüdisches Leben, erinnert er, kamen „nicht aus der muslimischen Community“, sondern „von Rechtsextremisten und Rechtsterroristen.“

Hier wird der Rede nicht die Moral, sondern die Empirie zum Fundament. Die Ironie dabei: Je häufiger der Staat den Schutz jüdischen Lebens mit Polizeipräsenz versieht, desto sichtbarer wird sein Versagen, das Leben selbst sicher zu machen. Eine Gesellschaft, die ihre jüdischen Kinder täglich unter Bewachung zur Schule schickt, verteidigt kein jüdisches Leben – sie konserviert die Angst.

„Wir haben uns doch was versprochen“

Doch Friedman schießt nicht nur auf die offensichtlich Antidemokratischen. Auch die demokratische Selbstgefälligkeit bekommt ihr Fett weg:

„Unsere Demokratie ist gefährdet, einerseits, weil sie aktiv zerstört werden soll. Aber andererseits […] weil zu wenig Leidenschaft, zu wenig Engagement, zu wenig Streitbereitschaft besteht.“

Es ist das vielleicht härteste Urteil dieser Rede: Nicht der Faschismus allein gefährdet die Republik – sondern die Trägheit ihrer Verteidiger. Friedman moniert nicht das Fehlen von Werten, sondern von Einsatz. Der demokratische Raum sei „nicht nur zu schützen, sondern zu füllen.“ Nicht mit Deklarationen, sondern mit „Streit“. Mit zivilgesellschaftlicher Kleinarbeit. Im Verein, im Klassenzimmer, am Küchentisch.

Friedman stellt die Erinnerung unter Vertrag. „Nie wieder“ – das ist für ihn keine historische Floskel, sondern eine moralische Schuldverschreibung. Er erinnert an sein persönliches Motiv zur Einbürgerung:

„Ich hatte keinen schlechten Pass. Ich brauchte ihn nicht. […] Ich habe mich einbürgern lassen, weil ich an eine junge Generation geglaubt habe.“

Ein Versprechen also – und ein enttäuschtes Vertrauen. Denn 2026, so Friedman, sei jüdisches Leben „so gefährdet wie seit Jahrzehnten nicht mehr“. Besonders eindringlich: die Erzählung von jüdischen Kindern, die ihre Identität verstecken müssen, und einem Staat, der das Problem sichtbar macht – durch Bewachung, statt durch Bekämpfung der Ursachen.

Sein analytischer Fokus liegt auf dem gesellschaftlichen Klima – nicht nur auf Gesetzestexten. Auch das unterscheidet ihn von den Sonntagsrednern des Demokratiediskurses.

Ein rhetorischer Höhepunkt: Friedmans Kritik am Begriff des Protestwählers. Wer eine Partei wählt, deren Programm Hass sei, müsse auch Verantwortung übernehmen. Keine moralische Verachtung, sondern politische Folgerichtigkeit:

„Jeder, der diese Partei wählt, wählt den USP des Hasses.“

Dass andere Parteien sich um diese Wähler bemühen, sei nicht staatsmännisch, sondern „feige“. Die Konsequenz: keine Anbiederung, sondern Auseinandersetzung – und zwar nicht über Bürgergeld oder Rentenfrust, sondern über Menschenwürde.

Demokratisches Plädoyer, nicht Demokratieromantik

Friedman hebt sich ab vom üblichen Gedenkton. Er verweilt nicht beim Grauen der Vergangenheit, sondern sucht dessen Vorstufen. „Es musste nicht Auschwitz sein, um heute zu gedenken“, sagt er, und verweist auf den alltäglichen Antisemitismus vor 1939 – den Spott, die Isolation, die Gleichgültigkeit. Die Gewalt hatte Vorgeschichten.

Und auch heute sei die Gefahr nicht der „nächste Endpunkt“, sondern die Verstetigung der Bedingungen, unter denen solcher Hass möglich wird: Sprachverrohung, Normalisierung, demokratischer Laissez-faire.

Was Friedmans Rede so kraftvoll macht, ist ihre ideologische Unbestechlichkeit. Er stilisiert das Grundgesetz nicht zur makellosen Bibel, aber er nimmt es ernst – als Arbeitsauftrag, nicht als Alibi. Auch seine eigene Rolle als Jude betont er nicht identitätspolitisch, sondern als Mensch mit biografischer Verantwortung.

„Ich stehe hier nicht als jüdischer Mensch. Ich stehe hier als Mensch.“

Er sagt Sätze wie: „Die schlechteste Demokratie ist mir lieber als die beste Diktatur“ – und obwohl das wie ein Kalenderspruch klingen könnte, ist es in seinem Mund Argument, nicht Attitüde.

Friedmans Rede war kein Mahnmal, sondern ein Spiegel. Er stellte nicht bloß die Schuldfrage, sondern die Gegenwartsfrage: Was tun wir – und was lassen wir zu? Er wies auf das, was viele wissen, aber kaum aussprechen: Die Demokratie ist verletzlich. Nicht, weil ihre Gegner stark sind – sondern weil ihre Freunde zu leise sind.

Sein größter rhetorischer Erfolg? Er schafft es, dass man sich als Demokrat nicht geschmeichelt, sondern gefordert fühlt.

„Ich bin gerne Handelsvertreter dieser Verfassung“, sagt er.
Die Frage bleibt: Wer übernimmt das Gebiet?

 Friedmans Rede ab Minute 45:08

 


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