Sevim Dağdelens Gedenken ohne Gedächtnis
TL;DR: Gedenken als Geopolitik: Sevim Dağdelen erklärt Auschwitz zum Friedenssymbol zwischen Deutschen und Russen – und lässt dabei die jüdischen Opfer verschwinden. Wer so erinnert, spricht nicht über die Shoah, sondern über sich selbst.
Über Sevim Dağdelens Geschichtsdeutung im Gewand des Gedenkens
„Am 27. Januar
1945 beendete die Rote Armee im antifaschistischen Krieg den Holocaust durch
die Befreiung von Auschwitz“ – ein Satz, wie mit Hammer und Sichel in
den Marmor gemeißelt. Nur leider nicht in den der Erinnerung, sondern in den
des geopolitischen Recyclings. Dass Auschwitz nicht befreit, sondern entdeckt
wurde – zu spät für über eine Million Ermordete –, stört in diesem
Memorial-Realismus der besonderen Art offenbar nicht. Geschichte wird hier
nicht erinnert, sie wird geglättet, gefaltet und auf dem Altar tagespolitischer
Loyalitäten geopfert.
Die Autorin, Ex-Bundestagsabgeordnete und diplomatische
Spezialistin im Dienste des autoritären Internationalismus, versteigt sich zu
der Behauptung, die Befreiung von Auschwitz habe „den Holocaust beendet“ – als
habe die Shoah auf das Signal des T-34 gewartet, um sich endlich zu fügen.
Dabei war der industrielle Mord zu diesem Zeitpunkt längst vollzogen. Die
Vernichtungslager Bełżec, Sobibór und Treblinka – letzteres schon im November
1943 abgebaut und mit einem Bauernhof überpflastert – waren längst Geschichte,
ihre Opfer zu Rauch und Knochenasche geworden. Und während Dağdelen Auschwitz
zum moralischen Endpunkt erklärt, starben Zehntausende noch auf den
Todesmärschen, die die Täter zynisch „Räumungstransporte“ nannten. Allein von den
58.000 aus Auschwitz getriebenen Häftlingen überlebten die meisten den Marsch
nicht. Für sie endete der Holocaust nicht am 27. Januar – sondern erst mit
ihrem Tod. Wer so formuliert wie Dağdelen, schreibt nicht gegen das Vergessen,
sondern für die Erleichterung.
„Frieden zwischen
Deutschen und Russen“ – so lautet das moralische „Vermächtnis“, das
Dağdelen aus der Befreiung von Auschwitz ableitet. Als sei Auschwitz ein
Betriebsunfall im bilateralen Verhältnis gewesen, nicht die radikale Negation
jüdischer Existenz. Die singuläre Dimension der Shoah wird so unter ein
allgemeines antifaschistisches Friedensprojekt subsumiert, das sich selbst zu
ernst nimmt – und die Opfer zu wenig. Als handle es sich beim Holocaust um ein
Kapitel der Weltkriegsgeschichte, nicht um deren Zäsur.
„Auschwitz, wo
über eine Million Menschen vom deutschen Faschismus ermordet wurden“,
heißt es. Ein Satz, der alles sagt und nichts erklärt – moralisch erschütternd,
semantisch entlastend. „Faschismus“ fungiert hier als Allzweckformel, die den
spezifisch antisemitischen Charakter des Mordens verwischt. Wer so schreibt,
braucht nicht zu erwähnen, dass 90 %
der Opfer in Auschwitz Jüdische Menschen waren. Die Shoah wird zum universalen
Bösen erklärt – und dabei ihres Ziels beraubt. Die Jüdische Menschen? Ein
Kollateralschaden des Faschismus, wie es scheint. Dass Israel, der „Ort der Davongekommenen,“ der zentrale
Zufluchtsort für jüdische Überlebende des Holocausts, in Dağdelens Gedenken mit
keinem Wort erwähnt wird, ist keine zufällige Auslassung, sondern folgerichtig:
Wer „Antifaschismus“ ohne Juden denkt, kann sich auch das jüdische Überleben in
Staatlichkeit sparen. Das mag konsequent sein, ist aber nicht harmlos. Es ist
linke Geschichtsvergessenheit im besten Gewissen.
Auch die Retter taugen nur, solange sie in das Narrativ
passen. Der Rotarmist Dushman, der mit dem Panzer den Zaun niederwalzte – eine
schöne, tragende Szene. Weniger poetisch: das sowjetische Verbot jüdischer
Gedenkpolitik, der Stalinismus als autoritäre Kontrarevolution, die Pogrome von
Kiew bis Minsk. Aber was ist schon die Wahrheit gegen ein gutes Bild?
Natürlich, man kann den Wunsch nach Frieden nicht
kritisieren, ohne als Zyniker zu gelten. Aber Frieden zwischen „Deutschen und
Russen“ ist hier kein ethischer Imperativ, sondern ein diplomatischer Reflex.
Dass ausgerechnet Auschwitz zur Blaupause einer neuen Ostpolitik gemacht wird –
mit Auschwitz als Brücke statt als Abgrund – verrät nicht nur ein politisches,
sondern ein moralisches Missverständnis. Man spricht nicht über Juden, weil man
sie längst durch Staaten ersetzt hat.
Der Satz „eine
Verpflichtung für uns alle“
klingt wie das Fazit einer UNICEF-Kampagne. Nur dass es hier nicht um Brunnen
in Burundi geht, sondern um Gaskammern. Verpflichtung zu was? Pazifismus?
Entspannungspolitik? Kompromiss mit dem nächsten autoritären Staat, solange er
gegen „den Westen“ steht?
Man kann das naiv nennen. Oder zynisch. Oder einfach linke
Kontinuität: Der Antifaschismus der DDR hat Auschwitz instrumentalisiert, um
sich selbst moralisch zu überhöhen. Heute wird das gleiche Spiel gespielt – nur
dass man nicht mehr die BRD, sondern die NATO beschuldigt. Der Gegner hat
gewechselt, die Pose ist geblieben.
Der Tweet entlarvt sich selbst: Wer Auschwitz sagt und
Frieden meint, will nicht erinnern – er will entlasten. Nicht die Toten,
sondern die Lebenden. Besonders sich selbst.