Wie die Berliner Linke beim Thema Palästina ihren inneren Frieden teuer erkauft
TL;DR: Die Berliner Linke einigt sich auf einen Nahost-Antrag, der viel Mitgefühl zeigt – aber wenig Klarheit. Hamas faktisch unsichtbar gemacht, Israel als Einziger Täter markiert. Konsens durch Schweigen. Solidarität ohne Verantwortung. Ein Frieden zum politischen Preis.
Der Landesparteitag der Berliner Linken
feiert die Spitzenkandidatin Elif Eralp – und verabschiedet einen Antrag zur
Nahostpolitik, der vieles sagt, aber wenig klärt. Zwischen Genozid-Verdacht,
Täter-Opfer-Umkehr und versöhnlicher Rhetorik liegt ein fragiler Konsens.
Der Applaus
war warm, die Tränen echt, die Erleichterung greifbar: Elif Eralp wurde
offiziell zur Spitzenkandidatin der Berliner Linken für die
Abgeordnetenhauswahl gekürt. Dass sich am Ende eines nervenzehrenden Parteitags
fast alle umarmen konnten, lag jedoch weniger an Harmonie als an einem
taktischen Spagat. Der Streit über den Krieg in Gaza – oder genauer: über das,
was man wie dazu sagen darf – wurde nicht beigelegt, sondern verschoben. In den
Wortwolken des Antrags „Berlin verbindet – Solidarität über Grenzen hinweg“
verschwand die politische Schärfe hinter moralischem Gleichklang.
Der Antrag A15, ein
vierseitiges Kompendium aus Mitgefühl und Menschenrechtsrhetorik, benennt das
Leid beider Seiten – das jüdische kurz, das palästinensische ausführlich. Der
„Krieg in Gaza“ sei, so heißt es in Zeile 14, „ein genozidaler Krieg gewesen,
der auf die Vertreibung und Vernichtung der palästinensischen Bevölkerung
zielte“. Diese Formulierung steht unbeirrt am Anfang – ohne Konjunktiv, ohne
Kontext. Zwar folgt später der Hinweis, dass dies „nicht abschließend
entschieden“ sei. Doch was einmal als „überzeugende Einsicht vieler“ im Raum
steht, entfaltet seine normative Wucht: Die Wirklichkeit wird zur
Glaubenssache.
Die Hamas? In 127
Zeilen fällt ihr Name genau einmal – im Zusammenhang mit dem Massaker vom 7.
Oktober. Dort wird anerkannt: „Die Massaker und Geiselnahmen von Hamas […]
stellten eine historische Zäsur dar.“ Was danach folgt, ist ein abrupter
Themenwechsel: zum Anstieg des antimuslimischen Rassismus in Berlin. Die Opfer
werden getröstet, die Täter verschwinden aus dem Text.
Die Täterfrage verläuft
selektiv. Der Internationale Strafgerichtshof wird angeführt – jedoch
ausschließlich im Hinblick auf Haftbefehle gegen Netanjahu & Co. Dass der
ICC parallel auch gegen Hamas-Führer wegen „Verbrechen gegen die
Menschlichkeit“ ermittelt (einschließlich Mord, Folter, Geiselnahme,
systematischer sexueller Gewalt), bleibt unerwähnt. Kein Zufall, sondern
rhetorisches Kalkül: Die moralische Klarheit soll einseitig bleiben.
Das Leitmotiv: Solidarität
mit „allen Betroffenen“ – wobei in der Gewichtung deutlich wird, wer gemeint
ist. Die „systematische und im Kern vernichtende Gewalt“ (Z. 28) trifft
ausschließlich „eine wehrlose Bevölkerung“ – also Palästinenser*innen. Israel?
Als Täter im Plural. Die Formulierung „Die Hauptverantwortlichen dieses
Krieges“ (Z. 31) lässt keinen Raum für Differenzierung.
Die Shoah? Schwingt
mit, wird aber nicht genannt. Stattdessen steht die in Deutschland geführte
Diskussion über Antisemitismus als zu überwindendes Hindernis im Weg: Das Recht
auf „gewaltfreien Protest gegen die israelische Besatzungspolitik und
wirtschaftliche Sanktionen“ müsse gewahrt bleiben (Z. 81), ebenso wie die
Freiheit, „öffentlich über anti-emanzipatorische Tendenzen in der
Palästina-Solidarität zu sprechen“ (Z. 83) – wobei Letzteres wie ein
nachgeschobenes Feigenblatt wirkt. Es findet keine Anwendung im Text.
Sprachpolitik statt Realpolitik. Der Antrag vermeidet klare Verurteilungen, aber setzt
moralische Marker. Er spricht vom „Wiederaufbau des zu 90 Prozent zerstörten
Gazastreifens“ (Z. 44) und fordert, dieser solle „in den Händen der
Palästinenser*innen“ liegen – ohne zu sagen, welche Hände gemeint sind. Die der
Hamas? Der PLO? Einer zukünftigen technokratischen Übergangsverwaltung? Das
bleibt ebenso offen wie die Frage, welche „Reparationen“ Deutschland leisten
soll und ob diese Position wirklich mehrheitsfähig ist.
Das Politische wird kulturell ersetzt. So werden Waffenlieferungsblockaden italienischer
Gewerkschafter als Klassenkampf geadelt – solange sie gegen Israel gerichtet
sind. Dass ähnliche Blockaden gegen saudische Waffenlieferungen ausbleiben,
bleibt unkommentiert. Die selektive Empörung ist Programm.
Einigkeit herrscht also – im Schweigen. Zwei Anträge, die die BDS-Kampagne entkriminalisieren
und Israels Krieg als Genozid einstufen sollten, wurden kurzfristig
zurückgezogen. Der Kompromiss wurde als „Konsens“ verkauft, aber nicht
verhandelt. Denn Konsens hieß hier: keine Klärung. Kein Streit vor laufenden
Kameras, kein medialer GAU. Die Fassade steht – einstweilen.
Die Ironie: Der Antrag
will Polarisierung überwinden, indem er sie elegant zur Seite schiebt. „Wir
wollen verbinden statt spalten“, sagte Eralp – und hielt gleichzeitig an einem
Text fest, der vor lauter Ambivalenz keine Verbindlichkeit erzeugt. Die einzige
Klarheit liegt im Ton: Israels Politik ist kolonial, die Palästinenser sind
Opfer. Wer das anders sieht, stört den Konsens.
Was bleibt, ist ein Parteitag, der den Nahostkonflikt nicht klärte, sondern
ästhetisierte. Der Antisemitismus der Hamas, ihre offen erklärte
Vernichtungsabsicht, ihr Terror gegen die eigene Bevölkerung – all das fand
keinen Platz. Die Berliner Linke hat eine gemeinsame Sprache gefunden – aber
nicht für die Realität, sondern für das Wegsehen. Die politische Linke in
Deutschland hat eine lange Tradition der Parteinahme für die Unterdrückten.
Doch wer Gerechtigkeit will, muss die Täter auf beiden Seiten benennen. Auch,
wenn sie einem politisch näher stehen. Oder gerade dann.
