Russenhass ebenso verwerflich wie Antisemitismus - Verwechslung mit Systemfehler

TL;DR: Wenn Oskar Lafontaine „Russenhass“ und Antisemitismus gleichsetzt, wird aus Erinnerung Ideologie. Israel wird zum Täter, Putin zum Kulturträger – und die Shoah zur Fußnote geopolitischer Gleichsetzung. Geschichtsvergessenheit mit Sendungsbewusstsein.

Oskar Lafontaine vergleicht Russenhass mit Antisemitismus, relativiert die Shoah und dämonisiert Israel – eine Analyse über ideologische Verzerrung.


Wenn Russenhass bei Oskar Lafontaine die Shoah relativiert und Israel statt Deutschland zum Täter wird

Wenn die Geschichte als moralischer Prämienmarkt begriffen wird, auf dem sich Schuld und Mitgefühl rabattfähig gegeneinander aufwiegen lassen, dann ist das Resultat selten Einsicht, fast immer Ideologie.

So auch bei Oskar Lafontaine, der seinen Artikel „Russenhass ist deutsche Staatstradition“  aus der Weltwoche und den NachDenkSeiten später auf Facebook bewusst zum „Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ unter dem Titel „Der Russenhass ist ebenso verwerflich wie der Antisemitismus“ zweitverwertete – mit einer flammenden Anklage gegen das Gedächtnis, gerichtet nicht an die Täter, sondern an deren Überlebende.

Denn wer die historischen Kategorien der Vernichtung so willkürlich verschiebt, dass sich der Antisemitismus plötzlich neben dem „Russenhass“ auf der Schulbank wiederfindet, betreibt keine moralische Aufrüstung, sondern historische Abrüstung.

Lafontaine schreibt:

So richtig es ist, niemals Waffen zu liefern, mit denen wieder Juden ermordet werden können, so geschichtsvergessen und skrupellos ist es, Waffen zu liefern, mit denen wieder Russen ermordet werden.“

Das klingt zuerst wie ein Appell ans Gewissen. Nur: Wenn der Satz so stünde – ohne Vergleich, ohne Wertung, ohne argumentative Erpressung – wäre er politisch banal, ethisch unstrittig und analytisch belanglos. Doch Lafontaine will mehr: Er stellt gleich. Und Gleichsetzung bedeutet in diesem Fall Relativierung – und zwar der Shoah.

Die falsche Symmetrie

Denn wer „Russenhass“ und „Antisemitismus“ gleichsetzt, muss die Geschichte so zurechtfeilen, bis aus der Shoah – dem einzig historischen Fall eines ideologisch begründeten, industriell vollzogenen Vernichtungsantisemitismus – ein Fall unter vielen wird. Lafontaine bedient sich dabei einer arithmetischen Ethik, in der das millionenfache Morden an Juden und Sowjetbürgern als gleichwertige Schuldenposten deutscher Geschichte geführt werden:

Die Deutschen haben zur Nazizeit nicht nur 6 Millionen Juden ermordet, sondern auch 25 Millionen Bürger der Sowjetunion.“

Ein Satz, dessen grammatikalische Korrektheit durch seine historische Unredlichkeit nicht aufgehoben wird. Denn er unterschlägt, dass sich die NS-Vernichtungspolitik nicht in Opferzahlen erschöpft, sondern in Ziel, Struktur und Motiv unvergleichlich war: Die Shoah war kein bloß funktionales Kriegsverbrechen, sondern das Resultat eines eliminatorischer Antisemitismus, der auf die vollständige, globale Vernichtung jüdischen Lebens zielte – nicht aus strategischer Notwendigkeit, sondern aus ideologischer Überzeugung Der „Ostkrieg“ war verbrecherisch, kolonial, mörderisch – aber nicht identisch mit Auschwitz.

Diese Differenz nicht zu sehen, heißt: sich nicht erinnern wollen.

Doch Lafontaine geht weiter. Die Gleichsetzung ist nur der Einstieg, die Umkehrung folgt auf dem Fuße:

Der Höhepunkt der moralischen Verwahrlosung der deutschen Politik ist es, Israel Waffen zu liefern und dadurch den Völkermord an den Palästinensern zu unterstützen.“

Ein Satz, der keine Analyse will, sondern Effekt. Die Wendung „Völkermord“ dient hier nicht der Empathie mit dem Palästinenser*innen, sondern der Spiegelung – Israel als Täter, die Deutschen als Komplizen, die Palästinenser*innen als „neue Juden“. Das ist sekundärer Antisemitismus in moralischer Pose: Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz wird Israel delegitimiert. Die historische Verantwortung mutiert zur politischen Anklage.

Zur Ehrenrettung des russisch-deutschen Verhältnisses wird ein Reigen kultureller Verbundenheit bemüht: Dostojewski, Tolstoi, Turgenew – allesamt Zeugen einer kulturellen Zivilisation, die angeblich zwischen den Fronten verloren ging. Selbst Wladimir Putin wird als literarischer Ehrenmann zitiert:

Heute erlaube ich mir, einen großen Teil meiner Ansprache in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant zu halten.“

Dass Putin heute in der Sprache von Solowjow, Dugin und Lukaschenko spricht, bleibt unerwähnt. Dass seine Bomben keine Goethe-Gedichte rezitieren, sondern Städte in Schutt legen, scheint die romantische Germanistik-Vorlesung nicht zu stören. Kultur als Diplomatie ist schön – aber als Ersatz für Politik täuschend.

In einer Passage, die wohl als psychologische Tiefenanalyse gemeint ist, heißt es:

An erster Stelle steht die Projektion, eigene unerwünschte Gefühle werden auf Juden oder Russen übertragen.“

Was hier als Aufklärung daherkommt, ist in Wahrheit Verschleierung. Denn nicht die Mechanik von Vorurteilen wird analysiert, sondern ihre Objekte gleichgesetzt. Es ist diese argumentative Lässigkeit, die aus einer rationalen Kritik am Westen eine irrationale Entlastung des Ostens macht. Russland wird nicht analysiert, sondern entschuldigt. Der Westen nicht kritisiert, sondern dämonisiert.

Die Ukraine taucht in Lafontaines Text kaum als eigenständiger Akteur auf. Sie ist – wie so oft in jenen Kreisen – bloß Kulisse für den Stellvertreterkrieg der USA. Die Maidan-Proteste? Ein Putsch. Die Krim-Besetzung? Reaktion. Der Angriffskrieg? Völkerrechtswidrig, aber „verständlich“. Die Ukraine ist in diesem Weltbild nicht Subjekt, sondern Statist im großen Kampf USA vs. Russland.

Die Zerstörung der Ukraine geht weiter, und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht.“

Richtig. Doch wer zerstört sie? Lafontaine hat darauf keine klare Antwort. Weil er sie nicht geben will.

Die Unfähigkeit zur Unparteilichkeit

Lafontaine klagt an, aber selektiv. Er rechnet ab, aber nur mit jenen, die seinem Feindbild entsprechen. Die CDU, die NATO, die USA – alles alte Bekannte. Putin, Russland, Iran – bestenfalls missverstandene Partner. Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sondern Methode. Sie dient der Legitimierung eines politisch vorgelagerten Urteils, das sich nur noch Belege sucht. Kritik wird so zum Feindersatz.

Am Ende ruft Lafontaine zur „Entspannungspolitik“ auf, zitiert Brandt, Monnet, spricht von „Kultur“, „Versöhnung“, „Verständigung“. Alles schön. Alles richtig. Alles daneben.

Denn wer zur Versöhnung ruft, muss die Realität anerkennen, nicht verdrängen. Wer „Kultur überwindet Grenzen“ schreibt, sollte nicht zugleich die politische Grenzverletzung Russlands ignorieren. Wer von der moralischen Verwahrlosung der deutschen Politik spricht, sollte nicht in einem Atemzug Israel dämonisieren und Putins „ausgestreckte Hand“ beschwören.

Lafontaines Text hat einen durchgehenden Subtext: Der Westen ist schuld, Russland ist Opfer, Israel ist Täter. Alles andere ist Dekoration.

Der Text ist kein Appell zur Vernunft, sondern ein manifest gewordener Selbstbetrug. Eine politisch verbrämte Reuepose, die den moralischen Ernst vorgibt, während sie die Geschichte nach tagespolitischem Bedarf umschreibt. Lafontaine verwechselt Erinnerung mit Abrechnung, historische Verantwortung mit politischer Willkür, Antisemitismus mit Russlandkritik – und landet am Ende dort, wo die falsche Linke schon öfter gestrandet ist: im Schatten ihrer eigenen Projektionen.

Denn man kann den Westen kritisieren, ohne Putin zu romantisieren. Man kann Palästinensern Mitgefühl schenken, ohne Israel zu dämonisieren. Man kann „Nie wieder“ sagen, ohne „Auch für andere“ zu relativieren. Aber das setzt voraus, dass man Unterschiede nicht aus ideologischer Bequemlichkeit einebnet.

Und wer Geschichte nicht unterscheiden kann von ihrer ideologischen Zurechtlegung, sollte keine Artikel darüber schreiben. Schon gar nicht über die deutsche.

 

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