Antisemitismus als Lackmustest – und „Die Linke“ fällt durch
TL;DR: Antisemitismus ist das ideologische Bindeglied unserer Zeit – das auszusprechen reicht, um die Linke ins ideologische Schneckenhaus zu treiben. Statt Debatte gibt’s Psychologisierung. Wer so reagiert, bestätigt nur, was er bestreiten will.
Warum die
Twitter-Austausch zwischen Andreas Büttner und Özlem Alev Demirel mehr verrät,
als beiden lieb sein dürfte
Manchmal reicht
ein einziger Tweet, um den politischen Zustand einer ganzen Partei auf den
Punkt zu bringen. Andreas Büttner, Mitglied der Linken in Brandenburg und dort
auch Antisemitismusbeauftragter des Landes, wagte es, das Offensichtliche
auszusprechen: „Antisemitismus
ist das ideologische Bindeglied unserer Zeit. Rechtsextreme, Linksextreme und
Islamisten – drei Gruppen, die sonst nichts verbindet, außer der tief
verwurzelte Hass auf Jüdinnen und Juden.“
Ein Satz, so
klar wie unbequem. Denn wer sich dieser Diagnose stellt, muss mehr tun, als nur
die Ränder der Gesellschaft zu beschimpfen. Er oder sie müsste in den eigenen
Reihen zu suchen beginnen – und das tut weh. Vor allem, wenn man jahrzehntelang
Antizionismus für Kapitalismuskritik, die Hamas für „Widerstand“, und die
BDS-Kampagne für eine Art zivilgesellschaftliches Projekt gehalten hat, das
zufällig kein jüdisches Leben auf diesem Planeten dulden kann, solange es sich
selbst verwalten will.
Büttner liefert
keine akademische Abhandlung, aber eine politische Kampfansage. Seine Typologie
ist scharf, fast schneidend: Die einen „hetzen mit
‚Hakennasen‘ und Shoah-Relativierungen“, die anderen sprechen von „zionistischer
Apartheid“ und „Dekolonisierung“,
und die Dritten „fordern die
Vernichtung Israels – offen, laut, ungehindert.“ Drei Varianten, ein Code:
der Wunsch, jüdische Existenz an den Rand oder gleich über die Kante zu
schieben.
Dass diese
Haltung keine Meinung sei, sondern „die ideologische Vorstufe zur Gewalt“, ist
keine originelle Feststellung. Aber eine notwendige. Gerade weil ein
beträchtlicher Teil der deutschen Linken den israelbezogenen Antisemitismus
immer noch für ein „Missverständnis der Kritik“ hält – oder für eine
gerechtfertigte Wut, die halt manchmal unsauber artikuliert werde. So unsauber,
dass am Ende Raketen auf jüdische Kindergärten fliegen, aber wer wird da
kleinlich sein.
Die Konsequenz,
die Büttner zieht, ist denkbar schlicht: „Wer Judenhass
nicht überall und bedingungslos bekämpft, bekämpft ihn nirgendwo glaubhaft.“
Eine Feststellung, die in der Theorie Applaus verdient – und in der Realität
der Partei Die Linke einen Shitstorm provoziert. Denn bedingungslos meint auch:
ohne Rücksicht auf narrative Loyalitäten, geopolitische Ausflüchte oder
identitätspolitische Immunitätsregeln.
Vom Reflex
zur Regression – Die Linke im Spiegel ihrer Reaktion
Wer nun dachte,
eine Debatte über die Thesen würde folgen, kennt die Partei Die Linke schlecht.
Oder: zu gut. Özlem Alev Demirel, Abgeordnete im EU-Parlament, antwortete mit
dem rhetorischen Äquivalent eines Türenschlagens: „Bei deinen
Tweets fragt Mensch sich immer wieder, was du eigentlich auf diese Weise
kompensieren musst?!“
Kein Argument,
keine Auseinandersetzung, nicht einmal ein schüchternes „Ich sehe das
anders“. Stattdessen: die klassische Pathologisierung politischer
Gegnerschaft – beliebt bei Sekten, weniger bei Demokrat:innen. Es folgt der
kollektive Schulterschluss, den autoritäre Gruppendynamik für Erkenntnis hält:
„Viele
Genoss:innen haben deine unsäglichen Kommentare auch ziemlich satt!“ Aha.
Der Rückhalt der Mehrheit als Wahrheitskriterium – man kennt das aus dem
Schulhof. Oder dem Zentralkomitee.
Was Demirel
hier aufführt, ist keine Erwiderung, sondern ein Reflex. Und genau dieser
Reflex ist das Problem. Denn er demonstriert, wie schnell sich Teile der Linken
in ein ideologisches Schneckenhaus zurückziehen, sobald jemand es wagt, ihre
Lieblingsmythen infrage zu stellen – sei es über „Dekolonisierung“, über
Palästina, oder über den Umstand, dass in zu vielen antiimperialistischen
Köpfen die Gleichung noch immer lautet: Zionismus = Imperialismus = Feind.
Dabei ist der Skandal
nicht, dass Demirel nicht argumentiert. Sondern dass sie es nicht für nötig
hält. Weil in bestimmten Kreisen längst klar ist, wer reden darf – und wer zu
schweigen hat. Wer Kritik äußert – und wer „kompensiert“. Die Wahrheit wird
nicht widerlegt, sie wird delegitimiert. Oder, wie es ein kluger Linker einmal
nannte: Es wird nicht gedacht, sondern positioniert.
Einmal mehr
zeigt sich: Die eigentliche Zerreißprobe der Linken verläuft nicht zwischen
Reform und Revolution, Klassenkampf und Identitätspolitik, sondern zwischen
zwei Haltungen zum Judentum. Die eine sieht in der jüdischen Existenz nach
Auschwitz einen zivilisatorischen Imperativ. Die andere einen kolonialen
Betriebsunfall. Das eine ist humanistischer und auch Sozialistischer Universalismus,
das andere linker Regressionstrotz mit identitätspolitischem Anstrich.
Der
Büttner-Tweet macht diese Front sichtbar. Der Demirel-Tweet bestätigt sie.
Und was
bleibt?
Ein Tweet, der
Klartext redet. Eine Reaktion, die jede inhaltliche Auseinandersetzung
verweigert. Und eine Partei, die sich wieder einmal selbst vorführt. Wer heute
noch wissen will, warum die Linke in Deutschland nicht nur wahlstrategisch,
sondern moralisch auf dem absteigenden Ast ist, braucht keine
politikwissenschaftliche Studie. Es reicht ein Blick auf diesen Austausch. Eine
Seite spricht über Antisemitismus. Die andere über Psychologie. Es ist, als
würde man auf einen Feueralarm mit der Frage reagieren, ob der Melder
vielleicht nur Aufmerksamkeit will.
Die Pointe ist
bitter: Der Vorwurf, Antisemitismus sei das letzte große ideologische
Bindeglied zwischen Extremisten, wird nicht etwa entkräftet – sondern durch den
Diskursverzicht der Linken unfreiwillig bewiesen. Oder wie es bei Büttner
heißt: „Es
ist alles der gleiche Dreck – in unterschiedlicher Verpackung.“ Ein Satz,
über den man streiten könnte. Wenn man wollte. Aber offenbar will man nicht.
Was folgt, ist
keine Debatte, sondern das Einrollen der Partei in ihre ideologische Wagenburg
– samt Wachturm, in dem entschieden wird, was Antisemitismus ist und was bloß
ein Akt der „Dekolonisierung“. Innen warm, außen kalt. Nur leider: historisch
erfahrungsgesättigt ist diese Wärme nicht.
Die Frage, die
bleibt, ist keine kleine: Kann eine Linke, die Kritik an Antisemitismus
reflexhaft abwehrt, jemals glaubwürdig für Gerechtigkeit eintreten? Oder bleibt
sie am Ende das, was sie gerade zeigt: eine politische Formation, die sich
lieber im Hass auf Israel einigt als in der Anerkennung jüdischer Existenz?
Eine Antwort
könnte lauten: Wer das K-Wort („Kompensieren“) zückt, wenn das A-Wort
(„Antisemitismus“) fällt, hat vielleicht selbst einiges aufzuarbeiten. Und zwar
nicht auf der Couch – sondern in der Geschichte.
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