Wenn Irans Diktatur zum Opfer erklärt wird: Die seltsame Querfront der Antiimperialisten

TL;DR: Während Iraner*innen für Freiheit sterben, erklärt eine seltsame Querfront deutscher Trolle die Proteste zur CIA/Mossad/Zionisten-Inszenierung. Wer das Iranische Regime zum Opfer macht, entmündigt die Mutigen auf der Straße und übt Solidarität mit der Diktatur – nicht mit den Menschen.

Iraner*innen kämpfen für Freiheit, doch auf Twitter erklärt eine Querfront die Proteste zur CIA/Mossad-Inszenierung – und entmündigt Sie so.


Während im Iran Tausende gegen Unterdrückung und Armut protestieren, erklären deutsche Twitter-Aktivist*innenen die Aufstände zur Inszenierung von Mossad , CIA oder Zionisten. Was sie dabei vergessen: Die Menschen im Iran.

Die Lage ist eindeutig, selbst ohne Internet: Seit dem 28. Dezember protestieren im Iran Millionen gegen ein Regime, das sie unterdrückt, foltert, erschießt, zum Schweigen zwingt. Maschinengewehre, abgeschaltetes Internet, überfüllte Leichenhallen, Kinder unter den Toten. Die Human Rights Activists News Agency zählt über 10.000 Verhaftete, die Narges-Stiftung spricht von mehr als 2.000 Toten. Die Polizei schießt mit Maschinengewehren, Ärzte berichten von gezielten Kopfschüssen – ein Krankenhaus in Teheran „stapelte die Leichen im Gebetsraum“.

Doch ausgerechnet in der westlichen Wohlstandsopposition wächst die Solidarität – mit den Mullahs.

„Die Operation der CIA/des Mossad zur Auslösung einer Farbrevolution im Iran ist gescheitert“, verkündet der Account @linuxkumpel stolz.

„Im Iran sind Mossad-Agenten, die Proteste anzetteln“, weiß @inVeritasX.

Und @rovereto16 stellt klar: Die Proteste seien von CIA und Mossad „gekapert“, „Hunderte unbeteiligte Zivilisten“ seien bei westlich orchestrierten Angriffen gestorben.

Wer braucht noch das iranische Regime, wenn man solche Freunde in deutschen Kommentarspalten hat?

In Teheran sterben Menschen. Auf Twitter stirbt der Verstand.

Was diese Tweets zeigen, ist keine Meinungsvielfalt, sondern eine erschreckend kohärente, verschwörungsnahe Erzählung: Die Proteste im Iran seien eine westliche Farce. Eine Inszenierung von „CIA und Mossad“, deren Ziel es sei, das heldenhafte Bollwerk der „nationalen Souveränität“ zu schwächen.

Jeffrey Sachs, Ökonom mit Allmachtsvermutung, liefert das Skript: „Das ist das CIA/Mossad-Regimewechsel-Drehbuch, und wir erleben es live.“

Derartiger Realitätsersatz erfreut sich regen Zuspruchs – nicht nur bei Islamisten, sondern bei Teilen einer selbsternannten Querfront: von linksradikalen Antiimperialisten über identitäre Vordenker bis hin zu Pro-Palästina-Aktivisten und postmodernen Putin-Fans. Man einigt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Der Feind meines Feindes ist mein Verbündeter – auch wenn dieser Frauen steinigt, Demonstranten erschießt und Homosexuelle hängt.

Das wirklich Absurde an dieser Debatte: Die Menschen im Iran kommen gar nicht mehr vor. Stattdessen heißt es: „Der Mossad schürt die Demos vor Ort“ (@LMA258), oder: „Die Demonstranten wurden von Mossad bewaffnet“ (@DK51031415).

Die Opfer sind keine Menschen mehr, sondern Schachfiguren im geopolitischen Planspiel der Twitter-Analysten.
Diese Art des Denkens hat einen Namen: verkappten Orientalismus. Alles, was außerhalb des Westens geschieht, ist nicht Ausdruck von Selbstbestimmung, sondern Effekt einer fremden Macht.

So wird aus einem Protest gegen 47 Jahre Diktatur ein Komplott von Geheimdiensten. Aus Arbeitslosen und Basarhändlern, die gegen Hyperinflation auf die Straße gehen, werden CIA-Marionetten. Aus Frauen, die sich gegen das Kopftuchgebot wehren, wird ein Vorwand für „regime change“.

Man kann das analytisch nennen. Oder auch: eine Beleidigung für die Tapferkeit derer, die im Iran auf die Straße gehen – ohne Waffen, ohne Schutz, aber mit Haltung.

Wer glaubt, der iranische Protest sei ein westliches Produkt, der hat den Iran nie gesehen. 1979 protestierten 100.000 Frauen in Teheran gegen die Kopftuchpflicht. 1999: Studentenaufstand. 2009: Grüne Bewegung. 2017, 2019, 2022: Immer wieder massive Aufstände – mit Toten, Gefangenen, Hoffnung. Die jetzige Protestwelle begann in der Arbeiterklasse – aus Hunger, aus Wut, aus Verzweiflung.

Dass Menschen auf der Straße „Ya ba oona, ya ba ma“ rufen – „Entweder ihr seid mit uns oder gegen uns“ –, zeigt, dass diese Gesellschaft sehr genau weiß, gegen wen sie kämpft. Und wer schweigt.

Was tun mit einer Querfront aus Antizionisten, Querdenkern und Kalter-Kriegs-Nostalgikern?

Es geht nicht nur um schlechte Analyse. Es geht um Macht. Wer behauptet, die Proteste seien fremdgesteuert, tut zwei Dinge gleichzeitig:

  1. Er entlastet die Täter. Das Regime wird zum Verteidiger der nationalen Souveränität umetikettiert – während es junge Menschen exekutiert.
  2. Er entmündigt die Opfer. Die Iranerinnen und Iraner, die täglich ihr Leben riskieren, werden infantilisiert – als wären sie unfähig, ihren eigenen Aufstand zu führen.

Der Satz „Lasst euch nicht von Zionisten verarschen“ (@inVeritasX) sagt viel über den Sprecher. Noch mehr über dessen Feindbild. Und am meisten über die ideologische Koalition, die sich hier formiert.

Zunächst: erkennen, dass es sich nicht um unterschiedliche Gruppen handelt, sondern um ein geteiltes Narrativ. Wer Israel dämonisiert, CIA-Allmacht behauptet und das iranische Regime zum Opfer erklärt, landet zwangsläufig in einer Allianz mit Leuten, die „Systempresse“ sagen, Putin für einen Antifaschisten halten und „Zionisten“ für global agierende Puppenspieler.

Es ist kein Zufall, dass Jeffrey Sachs und Glenn Greenwald sowohl auf linken Demos als auch in rechten Telegram-Kanälen gefeiert werden. Ihre Erzählung ist anschlussfähig – und anschlussgefährlich.

Was die Menschen im Iran fordern, ist schlicht: Freiheit. Was sie bekommen, ist westliches Schweigen – oder schlimmer: ideologische Bevormundung.

„Ihr malt Euch die Realität schön und betreibt pro-imperialistische Propaganda“, wirft @rovereto16 einem Kritiker vor. Man möchte zurückfragen: Für wen spricht hier eigentlich der „Imperialismus“?

Wenn aus dem Protest der Unterdrückten ein Agentenspiel wird, wenn man das Leid von Kindern in Leichensäcken als PR-Trick abtut, dann ist das nicht kritisch – es ist zynisch.

Die Iraner kämpfen nicht für Mossad, CIA oder „den Westen“. Sie kämpfen für sich. Und sie verdienen es, dass man ihnen zuhört. Nicht nur, wenn es ins eigene Weltbild passt.

Nachtrag: Damit kein Missverständnis entsteht: Seit dem 28. Dezember sind zu diesem Thema mehrere Hundert deutschsprachige und tausende englischsprachige Tweets abgesetzt worden. Da mir allerdings schon nach der Lektüre der hier besprochenen Beiträge die Augen bluteten und mein Glaube an den Menschen als vernunftbegabtes Wesen einen neuen Tiefststand erreichte, habe ich es bei dieser Auswahl belassen.

 

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