Wahrheit als Waffe oder Wunschvorstellung?
TL;GR: Lea Reisner, Nicole Gohlke, Özlem Alev Demirel zitieren Luxemburg: „Zu sagen, was ist…“ – und behaupten, statt zu analysieren. Antisemitismus wird zum Herrschaftsvorwurf, Palästina zur Klassenfrage, Israel zur Projektion. Revolutionär ist nicht Pose. Revolutionär ist Kritik.
Zu „Zwischen Staatsräson und Repression: Die
Linke muss Haltung zeigen“
(Lea Reisner, Nicole Gohlke, Özlem Alev Demirel; etos.media, 12. Januar 2026)
„Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“
Ein schöner Satz. Rosa Luxemburg wusste, dass Wahrheit ohne Risiko nur
Statistik ist. Die Autorinnen dieses Textes hingegen führen Luxemburg wie ein
Talisman vor sich her – als wäre das richtige Zitieren bereits das richtige
Handeln. Es ist diese symbolpolitische Choreografie, die sich durch den
gesamten Text zieht: viel Haltung, wenig Substanz. Viel Empörung, wenig
Analyse.
Die Umkehr der Anklage: Vom
Antisemitismusvorwurf zur Herrschaftstechnik
„In der deutschen Debatte wird der Kampf gegen
Antisemitismus zunehmend zu einem politischen Instrument“, schreiben Reisner,
Gohlke und Demirel. Ein Satz, der sich bedeutungsvoll gibt und doch blind
bleibt für das, was er übersehen will: dass Antisemitismus nicht erst dann
problematisch wird, wenn Konservative ihn instrumentalisieren, sondern immer
dann, wenn er gedacht, gespürt, gesagt wird – auch von denen, die sich als
seine Gegner verstehen.
Die Autoren operieren mit einem begriffspragmatischen
Antisemitismusverständnis: Wo der Vorwurf auftaucht, sei er Verdacht, nicht
Diagnose. Kritik an Palästina-Solidarität? Instrument der Staatsräson.
Sanktionen gegen antisemitische Künstler*innen? Ausdruck autoritärer Tendenzen.
Nicht einmal in Parenthese erscheint der Gedanke, dass sich in Teilen der
Palästina-Solidarität tatsächlich ein antisemitischer Affekt artikulieren
könnte. Wer so argumentiert, tut nicht, was Luxemburg verlangte. Er sagt
nicht, was ist, sondern nur, was passt.
Der zentrale argumentative Clou des Textes lautet: „Palästina-Solidarität
ist mehr als Internationalismus – sie ist Klassenpolitik.“ Der Satz ist
bestechend. Und gefährlich.
Er besticht, weil er scheinbar eine Brücke baut zwischen
lokaler Unterdrückung und globaler Gewalt, zwischen migrantischer Erfahrung und
geopolitischem Konflikt. Er ist gefährlich, weil er diese Brücke nicht
prüft, sondern voraussetzt. Migrantische Menschen, so heißt es,
solidarisierten sich mit Palästina, weil sie „Erfahrungen von Kolonialismus,
nationaler Fremdbestimmung und das Gefühl, Spielball imperialer Interessen zu
sein“ teilten.
Doch Empirie ist keine Analyse. Geschichte keine Analogie.
Dass Unterdrückungserfahrungen existieren, beweist nicht, dass sich ihre
politischen Antworten decken. Nationalstaatliche Befreiungsbewegungen sind
nicht per se progressiv – auch dann nicht, wenn ihre Gegner Waffen „Made in
Germany“ tragen. Wer Antikolonialismus ohne Universalismus denkt, landet oft
im partikularen Nationalismus. Und wer aus migrantischer Identifikation
politische Wahrheit ableitet, verwechselt Biografie mit Begriff.
„Es geht nicht um den notwendigen Kampf gegen
Antisemitismus“, behauptet der Text, „sondern um seine Umdeutung und den
Missbrauch eines wichtigen Anliegens im Sinne der deutschen Staatsräson.“ Eine
steile These, getragen vom impliziten Gegensatz: Staatsräson ist
Repression, Solidarität ist Wahrheit. So einfach. So binär. So falsch.
Die Rede von der deutschen Staatsräson meint im politischen
Kern: Nie wieder Auschwitz. Dass daraus Staatsräson wurde, mag
bürokratisch klingen, aber es ist der Preis der Erinnerung in einem Staat, der
sich historisch verantworten will – und nicht nur historisieren. Dass diese
Staatsräson politisch instrumentalisiert werden kann, bestreitet niemand. Dass
sie per se illegitim sei, behauptet nur, wer Geschichte für
Verhandlungsmasse hält.
Wer, wie die Autor*innen, die Staatsräson zum Synonym für
„Repression gegen Palästina-Solidarität“ macht, verwechselt historische
Verpflichtung mit ideologischer Überformung. Die Kritik wird nicht
durchleuchtet, sondern delegitimiert. Das ist keine Kritik – das ist Rhetorik.
Wahrheit als Pose – oder: Die doppelte Figur
der „Repression“
Der Text präsentiert eine Liste staatlicher Maßnahmen:
Demonstrationsverbote, Überwachung, Polizeigewalt. Alles schlimm. Alles
bekannt. Aber alles auch: komplex.
Wer sagt, wer demonstrieren darf, muss auch sagen, wie –
und mit welchen Parolen. Wer sagt, es werde „jüdische Antikriegsstimmen
ausgeladen“, sollte sagen, welche, warum, durch wen. Wer nur zählt, ohne
zu differenzieren, macht aus Repression ein Stilmittel. Was bleibt, ist der
Eindruck eines Regimes, das Kritik fürchtet – ohne, dass die Kritik selbst
befragt wird.
Die „falsche Position“, die hier angeblich
stigmatisiert wird, bleibt nebulös. Wer sie nicht benennt, kann sich jederzeit
auf sie berufen – ohne ihre Konsequenzen zu verantworten. Es entsteht eine Art sakralisierte
Dissidenz: Wer sich als Repressionsopfer inszeniert, braucht keine
Argumente, sondern nur eine Bühne.
Am Ende dann die Wiederkehr der Heiligen: „Zu sagen, was
ist, bleibt die revolutionärste Tat.“ Ein Satz wie ein Siegel. Doch Luxemburgs
Satz meinte: Analyse gegen Mythos, Wahrheit gegen Ideologie, Erkenntnis gegen
Pose. Im hier besprochenen Text wird er zum Stempel eines Diskurses, der
sich längst jeder Überprüfung entzogen hat.
Denn was „ist“, wird hier nicht gesagt – es wird gesetzt.
Dass die israelische Politik Apartheid sei, ist nicht Analyse, sondern
Behauptung. Dass Deutschlands Rolle imperial sei, ist nicht Erkenntnis, sondern
Projektion. Was fehlt, ist nicht Haltung – sondern Zweifel. Und was
bleibt, ist nicht Wahrheit – sondern Pose.
Die Autorinnen fordern „eine Linke, die
internationalistisch denkt und klassenbewusst handelt“. Klingt gut. Nur: Wer
Israel als Projekt westlicher Gewalt versteht, aber die Hamas als
Nebenwiderspruch, der denkt nicht internationalistisch, sondern ideologisch.
Und wer Grundrechte verteidigt, solange sie nicht mit
Staatsräson kollidieren, handelt nicht klassenbewusst, sondern situativ.
Es bleibt also nicht nur die Frage, ob Die Linke
bereit ist, eine klare Haltung zu zeigen.
Es bleibt auch die Frage, ob sie fähig ist, sich selbst kritisch zu
befragen, bevor sie die Welt zu verändern beansprucht.
Denn revolutionär ist nicht, was sich empört.
Revolutionär ist, was sich prüft.
