Solidarität bis zur Selbstverleugnung

 TL;DR: Kritische Analyse eines Gesprächs von Ulrike Eifler, Mitglied im Parteivorstand Die Linke für etos.media mit Martha C. Wüthrich – über Palästina Solidarität, Die Linke und das Schweigen von Eifler zu Wüthrichs Holocaust-Relativierung.

Kritische Analyse eines Interviews mit Martha C. Wüthrich – über Antisemitismus, Erinnerungspolitik und das Schweigen der Linken zur Holocaust-Relativierung.

Wie die politische Linke an ihrer Blindstelle gegenüber dem Antisemitismus scheitert – und was das mit einem Interview zu tun hat, das nie hätte so erscheinen dürfen

Über das Gespräch „Die Linke sollte für Solidarität gegen Repressionen und für Unterdrückte stehen“ in dem Ulrike Eifler, Mitglied im Parteivorstand Die Linke für etos.media mit Martha Chiara Wüthrich, Mitglied im Erfurter Kreisvorstand der Partei Die Linke und Co-Bundessprecherin der Linksjugend Solid sprach und darüber, was wie gesagt wird und besonders darüber, was im Gespräch nicht auftaucht.

Das Gespräch „Die Linke sollte für Solidarität gegen Repressionen und für Unterdrückte stehen“ zwischen Ulrike Eifler, Parteivorstandsmitglied der Linken, und Martha Chiara Wüthrich, Co-Bundessprecherin der Linksjugend [’solid], erschien am 3. Januar 2026 auf etos.media – doch begonnen hat es bereits Wochen zuvor.

Genauer: Anfang November, mit einem Video bei TikTok. Darin blickt Martha Chiara Wüthrich in die Kamera, sichtbar erregt, und ruft:
Das ist ein Völkermord. Das ist ein Holocaust. Das ist der Holocaust!“

Ein Dreiklang, der nicht aus dem Dunstkreis rechter Telegram-Kanäle stammt, sondern aus dem Mund einer Sprecherin der Linksjugend. Kein Versehen. Keine Ironie. Keine Distanz.

Es war der Moment, in dem ein politischer Reflex zur sprachlichen Entgleisung wurde – und das Interview, das folgte, zur Symptomstudie einer Partei, die zwischen antiimperialistischer Rhetorik und historischem Analphabetismus taumelt.

Das Interview als Ritual der Selbstvergewisserung

Die Struktur des Gesprächs wirkt auf den ersten Blick wie jedes andere politische Interview: Eine Fragende, eine Antwortende. Doch wer genauer hinsieht – oder besser: hinhört –, bemerkt schnell: Es ist ein Gespräch ohne Gegenrede, ein Austausch im Modus der Bestätigung.

Ulrike Eifler stellt Wüthrich  keine kritischen Fragen. Sie stellt die für Sektiererische Linke richtigen Fragen – also solche, die bereits die gewünschte Antwort enthalten. Beispiel:
Ist das nicht ein autoritärer und unsolidarischer Versuch, mit Meinungsunterschieden umzugehen?“
Wer wollte da widersprechen?

So wird aus einem Interview eine Bühne. Nicht zur Auseinandersetzung, sondern zur Selbstdarstellung – nicht im Namen der Partei, wie Wüthrich betont, sondern als Betroffene. Als Figur im Drama „Repression gegen Palästinasolidarität“.

Was dabei untergeht: die Realität. Die politische, die historische – und die moralische.

Der eigentliche Skandal des Gesprächs liegt nicht in dem, was gesagt wurde, sondern in dem, was nicht gesagt wurde. Die zentrale Aussage – die Gleichsetzung des Gaza-Kriegs mit dem Holocaust – bleibt unbenannt, unkommentiert, unproblematisiert.

Nicht einmal gestreift. Als sei sie nie gefallen.

Dabei wäre genau hier eine kritische Rückfrage nötig gewesen. Keine inquisitorische, sondern eine klärende. Eine, die unterscheidet: zwischen legitimer Kritik an israelischer Regierungspolitik und der Relativierung der Shoah. Zwischen politischer Position und moralischer Grenzüberschreitung. Zwischen Engagement und ideologischer Verblendung.

Dass sie ausbleibt, ist kein Zufall. Es ist ein Symptom.

Wüthrich spricht von Repression – parteiintern wie staatlich. Von Ausschlussverfahren, medialer Hetze, Einschüchterung. Ihre Worte sind getragen von Ernsthaftigkeit und Empörung. Und doch bleibt eine Irritation: Wer ist hier eigentlich das Opfer?

Die Antwort im Gespräch ist klar: Martha Wüthrich.

Nicht die Überlebenden des Holocaust. Nicht jüdische Schüler, die antisemitische Anfeindungen erleben. Nicht Juden in Berlin, die Polizeischutz brauchen. Nein: die Genossin, der man die Solidarität verweigert.

Diese Umkehrung ist kein sprachlicher Ausrutscher. Sie ist Kern einer Erzählung, die seit Jahren in Teilen der Linken virulent ist: Antisemitismus gibt es, ja – aber nicht in der Linken. Und wenn doch, dann nur als Missverständnis.

Die Kampagne, für die Wüthrich spricht, fordert nicht weniger als eine Rückbesinnung auf den antiimperialistischen Internationalismus. Klingt gut. Ist moralisch aufgeladen. Und doch bleibt offen: Welche Solidarität ist gemeint? Eine, die Hamas ignoriert? Eine, die Israel als Täter begreift und Palästina als abstrakte Leidensmasse?

Das Gespräch spricht nicht über Massaker vom 7. Oktober. Nicht über Raketen auf Tel Aviv. Nicht über Antisemitismus auf Demonstrationen. Kein Wort zur Tatsache, dass palästinasolidarische Positionen in Teilen längst mit einem antisemitischen Tonfall operieren, der Juden kollektiv für Israels Politik haftbar macht.

Dafür: viele Worte zur Repression – von links. Eine Erzählung, die jede Kritik als Angriff, jede Differenz als Verrat deutet.

Die Tragik dieser Entwicklung liegt in der Selbstverleugnung. In der Weigerung, aus der eigenen Geschichte zu lernen. In der Illusion, man könne das „Nie wieder“ auf Palästina übertragen – und dabei vergessen, wem dieses Versprechen ursprünglich galt.

Dass dieser Perspektivwechsel heute als progressiv gilt, ist die eigentliche Regression. Eine Linke, die sich auf ihre Antifaschismus-Flagge beruft, aber den Begriff „Holocaust“ als Kampfbegriff gegen Israel instrumentalisiert, ist keine linke Partei – sie ist ein Zitat von sich selbst.

Der moralische Preis der ideologischen Reinheit

Wüthrich spricht mit großer Klarheit über parteiinterne Machtstrukturen, über soziale Ungleichheit, über die Entfremdung von Basis und Mandatsträgern. Ihre Kritik an der Parlamentslogik ist berechtigt, ihre biografische Erdung glaubhaft.

Und doch kippt ihre Argumentation ins Moralisierende – dort, wo sie Verantwortung mit Gesinnung verwechselt. Wo aus Solidarität eine Immunisierung wird. Wo sie suggeriert: Wer unterdrückt wird, kann nicht unterdrücken. Wer betroffen ist, kann nicht fehlgehen.

Es ist eine Logik der moralischen Unangreifbarkeit – und sie führt zur ideologischen Verhärtung.

Das Interview hätte ein Anlass sein können, über linke Selbstverortung im Nahostkonflikt zu sprechen. Über Differenzierungsfähigkeit. Über Sprache. Über historische Verantwortung. Über das Verhältnis von Antizionismus und Antisemitismus.

Doch es wurde zum Gegenteil: Ein Monolog im Gewand des Dialogs. Eine Verstärkung statt einer Verhandlung. Eine Festigung des eigenen Lagers.

Das ist nicht nur journalistisch schwach. Es ist politisch gefährlich.

Es bleibt das Bild einer Partei, die ihre Flügel nicht mehr austariert bekommt, weil sie den eigenen Kompass verloren hat. Einer Jugendorganisation, die moralisch radikal sein will – aber historisch leichtfertig ist. Und eines Diskurses, der glaubt, alles sagen zu dürfen, solange es mit Leidenschaft geschieht.

Was bleibt, ist die Frage:
„Wie viel postmoderne Linke kann sich eine Linke leisten, die ihre antifaschistische Identität ernst nimmt?“

Denn wer nach Auschwitz nicht gelernt hat, Worte zu wägen, der sollte keine mehr sprechen, die andere für ihn verteidigen müssen.


Hintergrund: Holocaust als Metapher – oder als Munition?

Kaum war Martha Chiara Wüthrich zur Co-Bundessprecherin der Linksjugend ['solid] gewählt, erklärte sie der Welt per TikTok, was sie unter Völkermord versteht:
Das ist ein Völkermord. Das ist ein Holocaust. Das ist der Holocaust!

Nicht in einem rechten Blog. Nicht bei KenFM. Sondern aus dem innersten Zirkel einer Jugendorganisation, die sich als antifaschistisch begreift, aber sprachlich längst in die Assoziationskiste der Holocaust-Relativierung gegriffen hat.

Der Kontext?
Ein Krieg, begonnen durch das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem über 1.200 Menschen ermordet wurden – viele davon auf eine Weise, die das Wort „Barbarei“ alt aussehen lässt. Israel reagierte militärisch auf die Terrorherrschaft in Gaza. Die palästinensische Seite spricht seither von 60.000 Toten – ohne zu unterscheiden, ob es sich um Zivilisten oder Kämpfer handelt, was wiederum jene nicht stört, die jeden israelischen Angriff als gezielten Genozid rahmen.

Wüthrich setzt diesen Konflikt – asymmetrisch, tragisch, blutig – gleich mit der industriell organisierten Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden. Nicht wie der Holocaust. Nicht eine Art von Holocaust. Nein: „der Holocaust“. Als wäre die Geschichte ein Planspiel, das sich beliebig umetikettieren lässt, solange man nur laut genug dabei ist.

Gegen Wüthrich läuft ein Parteiausschlussverfahren. Der Vorwurf: öffentliche Holocaust-Relativierung. Dass dieser Satz allein nicht reicht, um parteiintern auf breiter Front Empörung auszulösen, sagt mehr über den Zustand der Linken als über das Disziplinarverfahren.

Denn: Wer heute Auschwitz als Vergleich bemüht, muss sich nicht mehr verstecken – nicht, wenn er es mit antiimperialistischer Inbrunst tut. Relativierung? Ist längst Mainstream – sofern sie von links kommt.

Wüthrichs Position wäre auch in anderen politischen Milieus anschlussfähig. Zum Beispiel bei Ulrich Siegmund, AfD, der die NS-Zeit nicht bewerten will, da er die „Verbrechen der gesamten Menschheit“ berücksichtigen müsse. Ein Gleichstand der Gräuel, über alle Epochen hinweg. Die politische Farbe ändert sich, die diskursive Entgrenzung bleibt.

Und in ihrer eigenen Jugendorganisation ist Wüthrich nicht allein. Der X-Kanal der Linksjugend Frankfurt etwa bedauerte öffentlich, dass jüdische Jugendliche, die aus einem Flugzeug gewiesen wurden, nicht gleich während des Flugs hinausgeworfen worden seien.
Man stelle sich vor, die AfD hätte das gepostet. Das Netz stünde in Flammen.

So aber bleibt es still. Denn wer die richtigen Unterdrückten verteidigt, darf sagen, was andere nicht einmal denken dürfen. Und wer mit dem Finger auf Israel zeigt, kann auf den Rest der Geschichte verzichten.

 

 

Beliebte Posts aus diesem Blog

„Antifa bedeutet Palästina?“ – Wenn der Palästina-Nationalismus gegen Antifaschist *innen marschiert

Ein Twitch-Live-Talk als ideologischer Offenbarungseid

Auf die Straße für Gaza? Eine Antwort an die Linken-Vorsitzenden