Nach 25 Jahren erneut gelesen: „Linker Antisemitismus, als Antizionismus drapiert“ von Thomas Osten-Sacken
TL;DR: Wer Antizionismus reflexhaft betreibt, tarnt Antisemitismus als Moral. Thomas Osten-Sacken zeigt schon 2001: Linke Israelkritik wird zum Ablassritual. Kein Diskurs hilft, wo Ideologie beginnt. Man muss das nicht mögen – aber ernst nehmen.
Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit Thomas
Osten-Sacken sich in die Nesseln setzte, in die viele heute noch nicht zu
greifen wagen – aus Angst, sich die Finger zu verbrennen am wärmsten
Selbstmissverständnis deutscher Linker: dass sie per definitionem keine
Antisemiten sein könnten.
Wer seinen Text aus dem Jahr 2001 heute erneut liest, stößt
nicht auf einen visionären Mahner, sondern auf ein Dokument schneidender
Klarheit, das – jenseits aller Hyperbeln – die linke Immunitätsrhetorik seziert
wie ein Skalpell den Tumor.
„Der Antisemitismus, der als Israelhass sich
rationalisiert, ist heute bedrohlicher denn je“, schreibt Osten-Sacken, und
es bleibt zu fragen, was sich daran im Jahr 2026 geändert hat – außer, dass die
Koalition der Israelhasser seither nicht kleiner, sondern breiter geworden ist:
von grüner Graswurzel über das Rot der Linken bis grauer Reichsbürgerfahne.
Marxismus ohne Marxisten
Osten-Sacken sah sie früh: jene „unheilige Allianz“, die
sich aus pazifistischen Bekenntnissen, antiimperialistischem Bodensatz und dem,
was sich heute als postkolonialer Aktivismus geriert, speist – und bei jeder
Gelegenheit die israelische Besatzung als Erbsünde der Moderne exorziert,
während sie die Hamas als „Widerstand“ durchwinkt.
Dass ausgerechnet Auschwitz, das „bundesdeutsche
Gründungsverbrechen“, instrumentalisiert wird, um Interventionen im Nahen
Osten moralisch zu verbrämen, ist für den Autor kein Missverständnis, sondern
Symptom. „Auschwitz als außenpolitische Handlungsanleitung“ – wer diesen
Satz nicht verstanden hat, sollte keine Reden über Moral in Nahost halten,
sondern über Sprachkritik nachdenken.
Denn was als „linke Solidarität“ auftritt, so Osten-Sacken,
zeigt sich im „um seine Würde kämpfenden palästinensischen Volk“ – ein
Ausdruck, der nicht nur sprachlich dem Völkischen näher ist als dem
Emanzipatorischen, sondern historisch längst von jenen okkupiert wurde, die
sich auf „die Stämme Judas und Israels“ als Agenten globaler Verschwörung
berufen.
Man muss nicht Horst Mahler bemühen, um zu erkennen, wie eng
der ideologische Grenzverlauf verläuft. Wer heute „gegen die israelische
Besatzung“ auf die Straße geht und dabei die USA als satanisches Zentrum der
Weltordnung imaginiert, steht nicht neben den Neonazis – sondern in
deren Querfront.
Von der Osten-Sacken hat gut lachen – oder vielmehr: beißen
–, wenn er die Marxistischen Blätter zitiert, in denen Marx, Luxemburg
oder Adorno nicht vorkommen, wohl aber die Außenpolitik der EU als
Friedensprojekt gepriesen wird.
„Nichts, kein Artikel und kein Beitrag dieser Ausgabe der
MB hätte nicht ebenso gut in einer der genannten bürgerlichen Zeitungen
erscheinen können und ist dort sogar erschienen“ – ein Satz, der schmerzt,
weil er stimmt.
Und nicht nur stimmt, sondern sich heute multipliziert: Die Semantik des
Kritischen wird längst von Think Tanks und Ministerien geteilt.
Wer „mehr Einfluss Europas“ im Nahen Osten fordert, um „zunehmende
Migrationsbewegungen und Flüchtlingsströme nach Europa zu unterbinden“, hat
aus Marx keine Zeile, aber aus Schengen alles gelernt.
Auch darin bleibt Osten-Sackens Text unerfreulich aktuell:
Der „linke“ Antikapitalismus hat sich von der Produktionsweise verabschiedet
und auf die Zirkulationssphäre verlegt – Wall Street, Finanzkapital, USA.
Wer da nicht merkt, dass der altbekannte „raffende Jude“ hinter der Rhetorik
durchscheint, hat nicht nur Marx nicht gelesen, sondern auch Bahamas
nicht verstanden.
Wenn Klaus Wagener meint, die Kritik an „US-Finanzkapital“
sei kein Antisemitismus, dann ist das so plausibel wie die Behauptung, der
Spruch „Ich bin kein Antisemit, aber …“ sei ein Satz der Aufklärung.
Ein Antikapitalismus, der sich vor der Analyse drückt und
dafür Metaphern hortet, ist nicht links – er ist regressiv. Und gefährlich.
„Sollten sie wirklich – was ich nicht hoffe – um die
völkische Würde kämpfen, so wäre ihnen jede linke Solidarität umgehend zu
entziehen“ – auch das ist kein moralischer Affekt, sondern eine politische
Klarstellung.
Denn dort, wo Solidarität zum Reflex verkommt, wo der Name
„Israel“ automatisch den Beißreflex triggert, aber die Namen Hamas, Hisbollah
oder Dschihad entweder entschuldigt oder nicht genannt werden, endet Kritik und
beginnt Ideologie.
Nicht die Realität ist Maßstab, sondern das Gefühl, auf der
richtigen Seite zu stehen. Mit anderen Worten: man hat aus 1945 nichts gelernt,
aber daraus eine Haltung gemacht.
Das deutsche „Wir“ und die ewige Schuldbuchhaltung
In einem der schärfsten Passagen des Textes entlarvt Osten-Sacken die Funktion des deutschen „Wir“: Nicht als universales Subjekt der Verantwortung, sondern als postnazistisches Reintegrationsprojekt. und zitiert dafür Max Horkheimer „Das Schuldbekenntnis der Deutschen nach 1945 war ein jämmerliches Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegszeit hinüberzuretten“ – nicht, um Schuld zu reflektieren, sondern um sie gemeinsam abzustreifen.
Und so dient auch die Israelkritik nicht der Aufklärung,
sondern der Selbstvergewisserung. Wer „Israel, die Palästinenser und wir“
sagt, meint selten das Subjekt der Geschichte, sondern fast immer das Kollektiv
der Absolution.
Es ist ein Verdienst des Textes von Thomas Osten-Sacken,
dass er keine Schlupflöcher bietet. Kein Trost, kein Kompromiss. Kein „sowohl
als auch“, das im Zweifel doch wieder auf ein „aber“ hinausläuft.
Antizionismus ist – dort, wo er nicht reflektiert, sondern
reflexhaft daherkommt – die sozialverträgliche Form des Antisemitismus, der
sich als Moral tarnt, als Menschenrecht, als Pazifismus.
Wer das nicht sehen will, dem hilft kein Diskurs, sondern
nur noch Distanz.
Denn, so Osten-Sacken, „solange zwischen den Aussagen
antizionistischer deutscher Linker, Saddam Hussein, den Muftis und Mullahs und
Horst Mahler keine Differenz auszumachen ist, sind sie als das zu denunzieren,
was sie sind: antisemitische Ressentiments, die letztlich auf die Zerstörung
Israels zielen.“
Mehr muss man nicht wissen. Man muss es nur ernst nehmen.

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